| Regie | Patty Jenkins |
Nach einer Kindheit voller Missbrauch und Drogen landet Aileen Wuornos auf dem Straßenstrich Floridas, wo hauptsächlich Trucker zu ihren Kunden zählen. Gleichzeitig führt sie ein Beziehung mit Selby und beginnt damit, die Kunden zu töten, die sie vergewaltigen wollen.
Die Regisseurin will der Serienmörderin "Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem sie den Menschen hinter dem Täterprofil zum Vorschein bring", meint Michael Kohler. "Stilistisch liegt MONSTER in der goldenen Mitte von spröder Avantgardekunst und aufpolierter Biographie, inhaltlich wandelt Patty Jenkins sicher auf dem schmalen Grat, den ihr die Geschichte eines zum Täter gewordenen Opfers lässt. Weder wird Wuornos zum feministischen Symbol der missbrauchten Frau erhoben, noch zum banalen Bösen degradiert."
Für Diedrich Diederichsen hat MONSTER "vor allem gute Ansätze und einzelne treffende Formulierungen. ... Das Vorhaben, ein "Monster" zu humanisieren, hat unübersehbar das Problem, diesen Menschen erst einmal vor allem körperlich als Monster präsentieren zu müssen, bevor man dann nach alter Hollywood-Küchenpsychologie einen weichen Kern hervorzaubern kann. Charlize Theron hat sich ihren Oscar offensichtlich damit verdient, aggressive Überlegenheitsgesten als verzweifelte Übersprungsakte einer zutiefst Verunsicherten zu spielen. Da hat sie einen spektakulären, allerdings nur in wenigen Varianten angewandten Gesichtsmuskel-Trick entwickelt. Eben noch blickt die Kamera in verlassene und verlorene Züge, dann geht ein Ruck durch sie, und sie ist tough, sie ist Butch, knallt Leute ab, weist Spießer zurecht und bahnt sich ihren Weg.".
Thea Dorn zählt einige Möglichkeiten, wie der Film ein schlechter hätte werden können. Sie kommt aber zu dem Schluß: "Dass der Film zu keiner Verklärungsoper wird, liegt an Charlize Theron, die nicht nur bereit war, ihren Luxuskörper zu dem einer Alkoholikerin aufquellen zu lassen, sondern vor allem den Mut hatte, die Wuornos nicht netter zu spielen, als sie war. Bei aller Verletzlichkeit, die sie der Figur gibt, nimmt sie ihr nicht das Asoziale, Ordinäre, himmelschreiend Selbstherrliche. ... MONSTER ist der erste Film über eine Serienmörderin, der weder in den Herren- noch den Damenwitz abstürzt. Und das ist gewaltig."
Andreas Busche will zu einem unvoreingenommenen Blick auf den Film zurück und stellt fest: als nachdrücklicher Eindruck bleibt "tatsächlich der mahlende Oberkiefer Charlize Therons und die fahrigen Bewegungen, mit denen sie sich ihre schlecht aufgeföhnte Frisur nach hinten streicht, im Gedächtnis hafte. ... Um Parteinahme geht es Jenkins mit ihrem Film nicht. Jeder sozialkritische Impuls muss an Wuornos blindwütiger Verzweiflung versagen. Was bleibt, ist ein trauriges Schicksal. Der Blick hinter die deprimierende Geschichte ruft kein Gefühl der Genugtuung mehr hervor, sondern nur noch blankes Entsetzen.".
Für Arno Widmann ist MONSTER "ein schmutziger Film. Es gibt nichts Schönes darin. Jedenfalls ist nichts Schönes zu sehen. ... Der Film ist nichts für die Freunde des schönen Scheins, er ist auch nichts für die Anhänger eines sozialkritischen Realismus, er ist für die Gruppe jener, die künstlichen Schmutz lieben."
Marcus Rothe führt ein Gespräch mit der Schauspielerin Charlize Theron.
Christiane Peitz stellt sich viele Fragen. "Bleibt die Frage nach der Moral. MONSTER will sich jenseits davon angesiedelt wissen; Jenkins legte Wert auf unspektakuläre Bilder, auf einen unparteiisch nüchternen Blick. Sie wolle zeigen, wie jemand Unvorstellbares tut, es nicht erklären, nicht entschuldigen. Aber warum richtet sie dann bei jedem neuen Mord den Fokus auf Aileens Skrupel? Auf ihr dramatisch schmerzverzerrtes Gesicht, als sie schließlich auch noch bei dem hilfsbereiten Gentleman abdrückt? Und warum taucht auch noch der Vietnamkriegs-Veteran auf?"
Fritz Göttler verweist auf den Independent-Charakter des Films und entdeckt zugleich den eigentlichen Horror. "Der Horror des Films ist nicht, dass sich das hässliche Entlein nie in den ersehnten weißen Schwan verwandeln wird - sondern dass man immer weiß, dass es der Schwan Charlize Theron ist, der in dieses Entenkostüm gesteckt wurde."
Andreas Borcholte hat viel Zeit damit verbracht, "unter der Maske nach den vertrauten Zügen Therons zu suchen. Das lenkt ab, vor allem von der schauspielerischen Leistung der Südafrikanerin, die ihrer Aileen mit einigen burschikosen Gesten, ungelenkem Gang und fahrigen Blicken Leben einhaucht." Auch sonst hat der Kritiker mehr erwartet: "Die Regisseurin will nicht wissen, warum Wuornos zur Mörderin wurde, sie deutet das Trauma der Kindheit nur an, sie fragt auch nicht nach der Verantwortung der amerikanischen Gesellschaft, die verarmte Familien wie Aileens, so genannten "white trash", verwahrlosen lässt, ohne einzuschreiten."
Dem Film geht es um Wahrheit, nicht um vordergründige Wirkung, meint Hans-Dieter Seidel. "Der Film, bei dem die Regiedebütantin Patty Jenkins auch das Drehbuch schrieb, sucht nicht in verbogener Sentimentalität eine Entschuldigung ungeheuerlicher Taten. Er macht schlicht und beklemmend den unaufhaltsamen Abstieg einer Frau nachvollziehbar, die weniger aus verlorener Ehre als aus fehlgeleiteter Fürsorge zur Mörderin wurde. Die abstoßende Fratze des Mordens wird nicht überschminkt, die pathologische Verkettung des Schicksals nicht verklärt. "Monster" ist das Psychogramm eines Unheils, das zur Reue nicht taugt."
Stefan Volk hat ein erstaunlich selbstverständliches Regie-Debüt gesehen. "Bei aller thematischen Schwere tut Patty Jenkins gut daran, ihren Film nicht zusätzlich mit formalen Experimenten zu belasten. Mise-en-Scène und Montage bleiben unauffällig, folgen dem Geschehen auf klassische Weise. ... Seine unbehagliche Ambivalenz und irritierende Eindringlichkeit verdankt das Biopic neben dem Drehbuch vor allem Charlize Therons famoser Darbietung, die in Christina Riccis subtilem Spiel adäquate Unterstützung findet."
Der Film ist für Tobias Kniebe eine Überraschung auf der ganzen Linie. "Der eigentliche Wahnsinn des Films liegt aber im Zusammenspiel, der Art, wie diese Frauen gemeinsam lachen und träumen und einander in die Augen schauen. Das ist so unerwartet und echt, dass alle schnellen Einordnungen, alle billigen Urteile in sich zusammenfallen. Und das Glück, inmitten von Schmerz und Brutalität, Blut und Tod und Hoffnungslosigkeit - es scheint Momente lang fast greifbar nah."
Birgit Glombitza führt ein Interview mit der Regisseurin Patty Jenkins.
Hanns-Georg Rodek spricht mit der Schauspielerin Charlize Theron.
Für Christina Nord hat der Film "einen schönen Blick für Details, die Kostüme sind großartig". Aber alles überragt die Leistung von Charlize Theron. "Doch die Stärke des Filmes - die schauspielerische Leistung Charlize Therons - ist zugleich seine Schwäche. Denn bald hat Jenkins den Erzählmodus für ihren harten Stoff gefunden: die Emphase." Für die Kritikerin wird alles lauter, ständige Anspannung "ganz so, als gäbe es keine anderen Mittel, innere Unruhe auszudrücken und ein beschädigtes Leben auf die Leinwand zu bringen."
Charlize Theron ist die Sensation des Film, meint Ralph Geisenhanslüke; vor dem Film hat er sie "für ein karrierebewusstes L'Oréal-Gesicht gehalten" - jetzt "hat sie hier ihr Coming Out als Schauspielerin". "Die Regisseurin baut aus ihrer Geschichte eine nachvollziehbare, psychologisch dichte Entwicklung, die natürlich ein klares Ziel verfolgt: Verständnis für das MONSTER, das in der normalen Gesellschaft keine Chance hat, nie eine hatte. Verständnis für das Monster, das irgendwann sogar Geschmack am Töten findet. Das wird mit der gebotenen Parteilichkeit erreicht."
Bei MONSTER hat Michael Althen eineinhalb Stunden den Atem angehalten. Für ihn ist der Film ein "Wunder des amerikanischen Kinos, wo der frische Blick einer Regiedebütantin und die Bereitschaft eines Stars, aus dem Schatten der eigenen makellosen Ausstrahlung zu treten, einander" positiv beeinflussen. Respekt zollt der Kritiker der Hauptdarstellerin: "ihre Verwandlung vom makellosen Supermodel in eine fluchende Straßenbraut" ist eine wunderbare schauspielerische Entäußerungen.
Hanns-Georg Rodek hat drei geniale Schachzüge des Films ausgemacht: Der erste ist, "die Chronik eines Serienmordes als Liebesgeschichte zu erzählen. Der zweite besteht darin, ein weltbekanntes Model durch Gewichtzunahme und Körper-Make-up derart zu verunstalten, dass sie völlig unkenntlich wird. Und der dritte und kühnste ist die Verweigerung von genauen Deutungen und klaren Urteilen."