| Regie | Christian Petzold |
Eine junger Mann kehrt nach Hause zurück und beginnt eine Affäre mit einer verheirateten Frau. Der Ehemann entdeckt die Beziehung. Eine Katastrophe ...
Lukas Foerster lobt besonders Hilmi Sözer. "In seiner Mischung aus Paranoia, Schwermut und Masochismus, allgemein in seiner Expressivität, in seiner – freilich immer schon pathogenen – Vitalität nimmt Ali eine Rolle ein, die es im Kino Christian Petzolds bislang nicht gegeben hat. Nicht die melancholische, dabei aber stets in sich ruhende, kraftvolle Maskulinität Benno Fürmanns strahlt Hilmi Sözer aus, sondern eine ihrer selbst zutiefst unsichere, hektische, eine die nie zum Stillstand kommt, sich ständig neu erfinden muss und sich dabei zielsicher selbst zerstört. Eine Männlichkeit, die im ständigen Kampf gegen eine feindselige Umweld – trotz der blonden deutschen Frau und dem großen Haus bleibt Ali ein Türke in Sachsen-Anhalt – zu einer paranoiden geworden ist und nun langsam zerbröckelt."
Verena Lueken ist begeistert. "In seinem spröden Kino, das einsame Figuren in leeren Landschaften plaziert, bleiben Körper ohne Sinnlichkeit. Alles ist kontrolliert, die Schönheit wie die Gewalt - Christian Petzolds formale Strenge ist auch hier wieder faszinierend. Wären da nicht die Darsteller, die bei Christian Petzold immer besser sind als bei anderen Regisseuren, sähen wir überhaupt kein Leben. Und tatsächlich stehen die Menschen innerlich mit einem Bein im Grab. Das Geld spielt in jeder Szene mit, aber es befeuert die Figuren nicht. Es stürzt sie einfach nur ins Unglück. Es zerstört, was sein könnte, und das, was war."
Der Regisseur perfektioniert die Kraft der Bilder, lobt Tobias Kniebe. "Es stimmt, dass die Figuren unter der Tonnenlast dieser Zwänge seltsam unlebendig wirken - aber es taugt doch nicht als Vorwurf gegen diesen brillanten und erschreckenden Film. Seine Ausweglosigkeit ist aus den aktuellen Verhältnissen des Landes herausdestilliert, das in JERICHOW (
) erforscht wird, und nicht nur aus dem Formbedürfnis einer strengen Kino-Ästhetik."
Hoch artifiziell verdichtet und zugleich genau geerdet in einer Landschaft und ihrer Geschichte ist der Film, schreibt Cristina Nord. Der Regisseur verdichtet alles so sehr, "dass nichts Unnötiges mehr übrig bleibt. Auf psychologische Erklärungen wird verzichtet, die Zahl der Schauplätze ist begrenzt, einem unscheinbaren Detail wie einem roten Feuerzeug kommt große Bedeutung zu, selbst wenn es nur zweimal im ganzen Film zu sehen ist. Wegen seiner Neigung zur Sparsamkeit läuft Christian Petzold bisweilen Gefahr, sich zu sehr auf Genremuster und Filmvorbilder zu verlassen."
Rainer Rother sah einen präzisen Genre-Film. "Wie aus dieser Konstellation in einer der großartigsten Szenen des deutschen Films der letzen Jahre jenes Schlusswort entsteht, wie den Figuren Einsicht und Ausweglosigkeit zugleich offenbar wird, das ist ein Ereignis, ein reiner Zusammenklang von Regie und Darstellungskunst. Wie Nina Hoss ein Weinen unterdrückt, als ihr Ali erzählt, er sei todkrank, wie sie und Benno Fürmann beschämt vom Platz des geplanten Verbrechens schleichen, wie Hilmi Sözer sie hilflos verflucht: Das ist großes Kino."
Daniel Kothenschulte entdeckt eine suggestive Melancholie. "Gerade weil Christian Petzold virtuoser als je zuvor mit den Kinomitteln Licht und Bewegung arbeitet, treibt er seinen Bildern die sonst so befreiende Leere aus. Es scheint, als wollten die Bilder in den warmen Farben der "Blauen Stunde" ausmalen, was den Figuren manchmal fehlt. Tatsächlich hat Christian Petzold den elegantesten Film seiner Karriere gedreht. Aber Eleganz gehörte nie zu den Schönheiten seiner Arbeiten. Die fanden ihren Stil eher in der Verweigerung gegenüber jedem äußeren Ästhetizismus."
Gunnar Decker hat in Abgründe geblickt. "Heimat ist nirgends, Traum ist Albtraum. Das ist der Realismus Christian Petzolds. Ein Drei-Personen-Stück mitten im Unbehagen der Existenz. ... Das gewöhnliche Leben von seiner Nachtseite gesehen, um die Traumdimension (die auch den Tod einschließt) erweitert. Christian Petzold der Regisseur dieser zwischen den Wirklichkeitsebenen oszillierenden Bilder, ist ein moderner Romantiker, ein E.T.A. Hoffmann des deutschen Kinos. Er hat den Mut zur Vollendung im Fragment. Das ist ebenso einmalig wie auf unheimliche Weise schön."
Für Esther Buss ist der Film so effizient und glasklar erzählt, wie es eigentlich nur klassischem Genrekino gelingt. "Dabei ist der Film eine seltsame Mischung aus Film-Noir – eine zwielichtige Frau, die einen Mann in ihren Bann zieht, ein verbrecherischer Plan, eine nächtliche, aufgeladene Szenerie wie der undurchdringliche Wald vor Alis Haus – und Elementen des Melodrams. ... Eher unmerklich mischt sich noch ein anderes Genre ein, das seine Wirkung hauptsächlich aus der Landschaft zieht, denn diese sieht in ihrer ebenso schönen wie tristen Verlassenheit sehr amerikanisch aus."
Die geschilderten Milieus dürfen dem Zuschauer fremd bleiben, meint Gerhard Midding. "In JERICHOW (
) bestimmen die Besitz- über die Liebesverhältnisse, auch hier treffen sich Thema und Stilwille in der Ökonomie, im Haushalten mit wenigen Elementen, die im lakonischen Erzählgestus Eindeutigkeit gewinnen und ihr Geheimnis nicht verlieren sollen. Die beharrliche Hinwendung zum Genrekino entspringt weder der Nostalgie noch einer Zitierlust, die den Eingeweihten schmeicheln soll. Es ist eine Verlockung, der [der Regisseur] nur mit reflexiver Strenge folgt. Er benutzt klassische Erzählmuster, um vom Alltag im Deutschland der Nachwendezeit zu erzählen."
Hier ist alles mit klaren und graden Strichen scharf und verschwimmt nichts, schreibt Ekkehard Knörer. "Die Landschaft, die diese Figuren hervorruft und ihre Unglücksgeschichten, scheint so gleichursprünglich mit dem, was die Genre-Kenntnis Christian Petzolds an Konstellationen aufruft, dass beides zur Deckung kommt. Nichts ist drunter und drüber. Keine lebenden Toten, sondern Lebende, denen es mit Gründen an Lebendigkeit fehlt. Nur noch analytisch unterscheidbar - und nicht als metaebeneneröffnende Differenz im Bild - sind das Genre als Verallgemeinertes einer- und Ort und Stelle der Prignitz andererseits."
Wohl niemand hat heute in Deutschland so wie Christian Petzold die Fähigkeit, die Verhältnisse präzis zu beobachten und in starke, gleichwohl bruchlos in die Erzählung integrierte Sinnbilder zu übersetzen, schreibt Peter Uehling. "JERICHOW (
) handelt auch von den Spannungen zwischen Gefühl und Geld, zwischen Heimat und gesellschaftlichem Zerfall. ... Daraus beziehen seine Filme, so grandios sie gespielt, so schön sie fotografiert sind, genuin literarische Qualitäten. Sie sind die Romane, die man über Deutschland lesen möchte."
JERICHOW (
) zeigt die verheerenden Auswirkungen ökonomischer Perspektivlosigkeit auf menschliche Beziehungen, meint Jenny Hoch, die einen eisigen Thriller sah. "Präzise, schnörkellos und dramaturgisch perfekt austariert ... Doch erzählt Christian Petzold den aktuellen gesellschaftlichen Hintergrund, also das Scheitern des Aufbau Ost, die Schattenseiten eines globalisierten Kapitalismus und dessen verheerende Auswirkungen auf das Leben und Lieben der Menschen immer mit. Seine Meisterschaft erweist sich vor allem in der Unaufdringlichkeit, mit der er diese politischen Großlagen mit der spezifischen Emotionalität seiner Figuren verknüpft."
Für Martina Knoben ist es immer wieder verblüffend, wie empfindlich Petzold in seinen Filmen auf die soziale Landschaft Deutschlands reagiert. "Immer, immer geht es in diesem Film um Geld. Es formt Beziehungen ebenso wie die Landschaft – wo der profitträchtigste Standort für einen neuen Imbisswagen wäre, wird Thomas einmal von Ali gefragt. Geld lässt sich vielleicht eintauschen gegen Gefühle, mit Geld kann sich ein Mann möglicherweise ein Zuhause kaufen. Ali hat sein Leben lang dafür geschuftet, nun wacht er misstrauisch darüber, dass ihn niemand betrügt. Er gibt sich jovial, ist ein etwas schmieriger, gedrungener Typ, den Hilmi Sözer geschickt am Rande von Türkenklischees zu platzieren weiß."
Ulrich Kriest sah "eine subtile, aber soziologisch bestens informierte Geschichte mit drei glänzend aufgelegten Protagonisten zu machen, die etwas über die Lebenswirklichkeit in Deutschland oder zumindest über den Nordosten des Landes zu erzählen hat. Mit bewundernswerter Präzision und Gradlinigkeit gewährt der Regisseur jeder Figur ihre Geschichte, was JERICHOW (
) immer komplexer werden lässt. Aus dem Buddy Movie wird ein Film noir, wird eine "Liebesgeschichte" ohne Zukunft, wird eine Geschichte von zwei Männern und einer Frau, die sich selbst als Prostituierte begreift, wird schließlich eine seltsame Tugendprobe."
Michael Meyns hat verschiedene Phänotypen eines kapitalistischen Systems ausgemacht. "Stilistisch ist kaum etwas von jenem Gestaltungswillen zu spüren, der Christian Petzold bislang ausgezeichnet hat. Vor allem die Tonspur, sonst so herausragend genutztes Stilmittel, bleibt flach und uninspiriert. Die Schauspieler mühen sich trotz schwacher Struktur und Dialogen um Niveau, was auch meistens gelingt. Besonders Hilmi Sözer überrascht mit einer vielschichtigen Darstellung, die von jener Qualität ist, die man sich für den ganzen Film gewünscht hätte."
Das Ganze ist für Thomas Engel menschlich und künstlerisch interessant. "Der Autor und Regisseur, bringt unterschwellig Themen wie Niedergang einer Region, Neuaufbau der Heimat, aber auch Geld und Kapitalismus in seinen Film ein. Im Vordergrund steht natürlich das Kammer-, Beziehungs-, Liebes- und Tragödienspiel von Thomas, Laura und Ali. Wie Nina Hoss, Benno Fürmann und Hilmi Sözer das absolvieren ist schon meisterlich. Dazu kommen das passende Umfeld und eine beachtliche filmische Umsetzung."
Von Anfang an entwickelt JERICHOW für Katja Nicodemus einen fast physisch erfahrbaren Sog. "Er entsteht durch Bilder, die in ihrer lichten Klarheit den deutschen Osten zeigen und doch die Abstraktionskraft einer großen Kinoerzählung besitzen. Und durch Schauspieler, deren Blicke und Körper den Dialogen immer einen Schritt voraus sind. ... All das verbindet sich in JERICHOW zu einem Rhythmus, der so zwingend und obsessiv vorandrängt, dass die eigentliche Obsession kaum erzählt werden muss. In diesem Film ist die Leidenschaft ein hastiger Kuss."
Kerstin Decker sah einen existenzialistischen Thriller - und Beitrag zur Finanzkrise. "Im Film ist der Heimat-Builder, Waldhäusler und Inhaber von 45 Imbissbuden ein Deutschtürke, und Hilmi Sözer als Ali ist das eigentliche Ereignis von JERICHOW (
). Wo Ali ist, ist Musik, türkische natürlich, sehr laut aus dem Autoradio. Sonst ist es eigentlich still. Posaunen, die Städte zum Einsturz bringen, gibt es in JERICHOW (
) nicht. Aber dass hier trotzdem bald eine Stadt, nein, eine Welt zusammenfallen wird, fast von allein, ist zu vermuten. Davon handeln Petzolds Filme, von der Unheimlichkeit des Nächstliegenden."
Rüdiger Suchsland lobt die drei Hauptdarsteller. "Noch nie sah Fürmann so männlich und so wenig bubihaft aus, wie hier. Ein Auftritt von hochgradiger proletarisch-körperlicher Präsenz, der an die besten Zeiten von Klaus Löwitsch erinnert. Hoss kombiniert Zerbrechlichkeit und Kälte in einer Weise, die ihren vielen Auftritten eine weitere faszinierende Facette hinzufügt. Die Entdeckung ist aber Hilmi Sözer, dessen Gesicht man zwar kennt. Aber so tanzen, so weich und dennoch cool sein, wie hier konnte er noch nie."
Wolfgang Höbel "vergisst in diesem Film immer wieder, dass die Story hanebüchen ist bis zum Abwinken (wie oft bei Petzold); man bewundert die grandiosen Landschaftsbilder, versinkt in den Gesichtern der Schauspieler, wartet auf die große, überraschende Implosion, die diesen perfekt austarierten Bilderreigen zum Einsturz bringen könnte. Statt dieser Überraschungsknall gibt’s nur eine banale Explosion. ... [Es] zeigt sich die große Kunst eines Regisseurs, der hier das Grobe und Rohe der so genannten Berliner Schule (zu der man Petzold gern zählt) eintauscht gegen eine bewundernswerte, packende, nur manchmal ein bisschen zu selbstbegeisterte erzählerische Eleganz."
Michael Althen ist angetan: "Mit JERICHOW ist Petzold eine faszinierende Fortschreibung seiner Filmographie gelungen, mit unnachahmlichem Blick auf Landschaften vorgetragen, mit knappen Strichen skizzierte Lebenswelt und Arbeitsalltag – und wenn man Generationen später wissen will, wie es in diesem Land aussah, was die Menschen gemacht und wie sie gefühlt haben, dann wird man es hier finden. Weil seine Neugier auf das, was abseits der Filmvorbilder liegt, eben doch viel größer ist als sein Interesse an dem, was sie als Spur vorzeichnen."
Christian Petzold ist ein Meister im Nachstellen von Realitäten, lobt Anke Leweke. "JERICHOW handelt von der Macht der Verhältnisse und des Geldes. Von ihren Auswirkungen auf die Gefühle und Sehnsüchte. Nicht das Drehbuch dominiert hier den Fortgang der Geschichte sondern ein übergeordnetes Prinzip, das schon vor den Bildern da ist. Auch die Körper der Darsteller scheinen davon in Beschlag genommen. JERICHOW ist ein trauriger Film."
Schön nennt Cristina Nord den Film. "Geld und Gefühle sind untrennbar miteinander verbunden: ein Lieblingssujet des Melodrams; eine undurchdringliche Frau wird von krimineller Energie getrieben: ein Lieblingssujet des Film Noir. Das alles legt nahe, dass sich JERICHOW in einer geschlossenen Kunstwelt bewegt, in einer Welt zweiter Ordnung, wo nichts dem Zufall überlassen ist und die Regeln des Genres über denen der Wirklichkeit stehen. Das stimmt aber nur zur Hälfte!"
Einen Petzold-Film wie eine Zwischenbilanz aller Petzold-Filme sah Christina Tilmann. "Eine Geschichte voller Leerstellen. Schweigsam und athletisch füllt Benno Fürmann seine Rolle aus; auch bei Nina Hoss – wieder mit Engelsblondhaar, aber dunkel geschminktem, schmalem Mund – kann man erneut alles vermuten, von Hilflosigkeit bis zu mörderischer Berechnung. Und Hilmi Sözer spielt seine Rolle des erfolgreichen, aber einsamen Kleinunternehmers mit so viel Selbstverständlichkeit wie Tiefe, fernab von allen Deutschtürkenklischees."
Laut Daniel Kothenschulte hat der Regisseur tatsächlich den elegantesten und geschmeidigsten Film seiner Karriere gedreht. "Der Fatalismus dieser Geschichte ist ein Zirkelschluss. Die drei Figuren sind Funktionsträger, sie existieren nur als Repräsentanten der ihnen zugewiesenen Rollen. Sie könnten gar nicht anders handeln, weil sie die literarische Erfindung auf einige wenige Eigenschaften verkürzt. Anders als die in Bezug auf die Abhängigkeitsverhältnisse einer globalisierten Wirtschaft vieldeutige Parabel, in der sie agieren, fehlt ihnen jeder Deutungs-Überschuss."
Wem Petzolds letzte Filme YELLA und GESPENSTER zu konstruiert, zu verkopft und kunstgewerblich waren, wird ihn laut Peter Zander "hier völlig neu entdecken. Sehr schlicht, mit nur wenigen Dialogen, lässt er Bilder und Schauspieler ganz für sich sprechen und baut so eine ungewöhnlich intensive Spannung auf. ... Es ist ein Fest, wie man beiden [Hoss und Fürmann] die Begierde in ihren Gesten ablesen kann und sie diese doch zu verstecken suchen."