| Regie | Fernando Meirelles |
| Kinostart | 23.10.2008 |
Eine Stadt wird von einer Epidemie heimgesucht, die Bewohner werden blind. Die ersten Betroffenen werden unter Quarantäne gestellt. Unter katastrophalen Bedingungen müssen sie vegetieren. Lebensmittel werden rationiert, leicht werden sie Beute Krimineller. Es gibt eine Zeugin dieses Alptraums. Die Frau eines Erblindeten folgt ihrem Mann in die Quarantäne und führt eine Gruppe Kranker in die Freiheit.
Alle Regeln des Kinos werden hier laut Marli Feldvoss unterlaufen. "Doch das Unternehmen der Verfilmung ist ein Scheitern auf höchstem Niveau, was es wieder interessant macht. Schon lange hat man keinen Film mehr gesehen, der so konsequent alle Regeln des Kinos unterlaufen hat und als Ergebnis ein radikales Kunstwerk präsentiert, das die Geduld der Zuschauer von der ersten Sekunde an auf die Probe stellt. Zu den wichtigsten Störfaktoren gehören Weiss und Schwarz, die den Erzählstoff mit gleissenden Weissblenden oder totaler Finsternis traktieren und gewohnte Blickwinkel ins Chaos stürzen. Dieser Angriff auf die Sinne geschieht allerdings auf Kosten der Empathie."
Bert Rebhandl schreibt über die Unterschiede zwischen Buch und Film. "Der literarische Text beschwört eine Situation herauf, die Details können sich die Leser nach eigenem Temperament ausmalen. Ein Filmemacher muss sich entscheiden, ob er eher indirekt vorgeht oder mitten in das Grauen hineinspringt. DIE STADT DER BLINDEN könnte man sich gut in einer Verfilmung von Tarkowski vorstellen; er hätte wohl eher eine Meditation daraus gemacht. Fernando Meirelles, der aus der Werbung kommt und einen ausgeprägten Sinn für visuelle Zuspitzung hat, holt aus der literarischen Vorlage vor allem die spekulativen Elemente heraus und rückt seinen Film damit in die Nähe von ähnlichen Schockern aus der jüngeren Zeit wie 28 TAGE SPÄTER."
Julian Hanich fragt sich, woher die emotionale Distanz kommt? "Zum einen werden die Figuren zu sehr in den Dienst der Parabel genommen und gewinnen nur wenige Konturen. Daran ändert auch die internationale Starbesetzung nichts, die von Julianne Moore, Mark Ruffalo, Gael García Bernal bis Danny Glover und Alice Braga reicht. Zum anderen unterminiert Meirelles sein inhaltliches Anliegen mit dem Versuch, das Blindheitsthema auch formal zu fassen. Die entfärbte Welt des Films ist für den Blick des Zuschauers oft schwer zu durchdringen."
Für Michael Kohler geht der erzählerischer Mehrwert geht annähernd gegen Null. "Fernando Meirelles und sein Kameramann César Charlone finden eindrucksvolle Bilder für Saramagos moderne Endzeit-Fantasie, doch sobald sie das allegorische Territorium der Heilanstalt betreten, ist ihre ganze Kunstfertigkeit nur noch die Hälfte wert. Hinter den Mauern übernimmt der "Herr der Fliegen" das fadenscheinige Regiment in Saramagos Geschichte, nur dass die Erwachsenen erwartungsgemäß Kultur und Zivilisation noch gründlicher hinter sich lassen als William Goldings Inselkinder und entsprechend tiefer sinken."
Fernando Meirelles mag zwar stark genug gewesen sein, die Vorbehalte Saramagos gegenüber einer Verfilmung zu entkräften, schreibt Elmer Krekeler, aber "stark genug, sich auch noch das Recht an der Veränderung der arg holzschnittartigen Geschichte herauszuschlagen, war er nicht. Mehr noch: Meirelles folgt nicht nur fast sklavisch den allzu plakativen Erzählspuren Saramagos. Er malt die Plakatwände Saramagos sogar in dem Maße aus, in dem die Blindheit wächst. Allzu wohlfeil sind die Hauptrollen mit Stars (von der tatsächlich großen Julianne Moore über Danny Glover bis Yusuke Iseya) beinahe aller Rassen besetzt. Und statt die Blinden einfach zu umkreisen, den Verlust ihres Gesichtssinns einfach von außen zu spiegeln, veranstaltet Meirelles geradezu ein optisches Feuerwerk."
Am besten funktioniert diese Parabel für Rüdiger Suchsland auf visueller Ebene. "Meirelles und sein Kameramann César Charlone lassen die Bilder und die Farben verschwimmen. Das Auge des Betrachters im Kino selbst soll verunsichert werden. Die Welt im Film gerät aus den Fugen und wird nie wieder ganz intakt. Sie zeigen auch immer wieder die Innensicht der Blinden ihre Welt schimmert mattweiß, milchig, aber gleißend hell – wie ein erblindender Blick in die Sonne. Schwieriger ist die darstellerische Ebene: Mark Ruffalo, Alice Braga, Danny Glover und Yusuke Iseya, die Schauspieler der wichtigsten Blinden tun, was man schon seit je her im Schülertheater getan hat, wenn man zum Beispiel den Ödipus zu geben hat: Sie schlurfen langsam, sie stolpern, sie fuchteln in der Luft, greifen ins Leere."
Bisweilen entsteht bei Anke Sterneborg der Eindruck, es handele sich um ein Laborexperiment für angehende Schauspieler. "Zusätzlich sind die Konturen verwischt, ist die Kadrage aus den Fugen, fast so als habe ein Blinder die Kamera geführt. In der Tat überträgt Meirelles Stammkameramann César Charlone die Orientierungslosigkeit der Blinden ganz direkt auf den Zuschauer. Eine Herausforderung ist der Zustand der Blindheit auch für das Ensemble großartiger Schauspieler wie Mark Ruffalo, Gael García Bernal, Alice Braga, Danny Glover und Maury Chaykin, die allesamt mit den Augen nicht nur ein wesentliches Instrument ihres Spiels verlieren, sondern darüber hinaus auch noch die Reaktionen ihrer Mitspieler."
Regisseur Fernando Meirelles fand beeindruckende Bilder für die Leinwand-Fassung der blendend weißen Endzeit-Vision - aber keine eigene Sprache, kritisiert Birgit Borsutzky. "Ein Hingucker, der provoziert, ist DIE STADT DER BLINDEN trotzdem. Nicht, weil er mit unserer Unfähigkeit spielt, die Menschen so zu sehen, wie sie sind, oder zeigt, auf welch wackligen Beinen die kultivierte Fassade steht. Sondern weil er uns das Destillat einer Gesellschaft serviert, die nicht handelt, wenn es nötig ist. Im Kino schaut man nicht weg. Genau das lässt den Film noch lange nachwirken."
Sascha Keilholz lobt besonders die Hauptdarstellerin. "Julianne Moores Interpretation der Vorlage ermöglicht dem Zuschauer eine selten erlebte Einfühlung. Diese Figur wird so sehr zur Person, zum Menschen, dass sie alle literarischen und filmischen Fesseln, alle Schemata, die einen solchen Charakter ansonsten einpressen und -pferchen, abwerfen und überwinden kann. Dabei durchläuft sie keineswegs eine Saulus-Paulus-Wandlung. Sowohl sie als vor allem auch ihr Ehemann sind wie durchweg alle Figuren immer wieder von Egoismus und all den anderen, üblichen, allzumenschlichen Charakterschwächen gezeichnet. Von Sünden könnte man sprechen bei einem Film, der die symbolische, zeitlose Ebene seiner Vorlage sehr ernst nimmt."
Die Verfilmung kann durchaus – wenngleich laut Joachim Kurz "mit manchen Abstrichen – als teilweise gelungenes Experiment gewertet werden, das die Erzählhaltung und die Implikationen Saramagos in vielen Momenten in stimmige, atmosphärisch dichte und beängstigende Bilder umsetzt und noch lange nach dem Verlassen des wohltuend dunklen Kinosaals in die gleißende Helle der Außenwelt nachwirkt. Allerdings wirkt die Grundsituation oftmals – und das liegt nicht allein an der gleißenden Kälte des alles überstrahlenden Weiß – wie eine kalte Versuchsanordnung, was durch die Personen, bei denen auf Eigennamen verzichtet wurde, noch verstärkt wird."
Für Martin Walder ist es "fast ein Wunder, wie treu der Brasilianer Fernando Meirelles dem Roman geblieben ist. Gleichzeitig ist es sein Verhängnis. Saramagos rabenschwarze, komplexe Parabel ist aus provokant lächelnder Distanz erzählt und zugleich von seltener Drastik im Detail. Beides ist Gift für einen «realistischen» Publikumsfilm, dem sich solche Extreme verbieten, damit er breit konsumierbar bleibt. «Blindness» ist ein hervorragend gemachter Film, der sein Thema am Ende aber doch nur gekonnt illustriert."
Verena Lueken ist etwas enttäuscht. "Meirelles und sein Kameramann César Charlone tun einerseits, was im Buch steht – für die Blinden ist die Welt weiß wie Milch. Immer wieder also gleißt die Leinwand, als ziele die Kamera direkt ins Licht. Aber Mereilles und Charlone tun noch eine Menge mehr: Sie lassen die Farben auslaufen. Sie zeigen verschwommene Schemen. Sie schneiden die Bilder an, so dass nur halbe Gesichter, Kopfteile, Beine zu sehen sind. ... Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, an den Rand des Zeigbaren, an den er hätte gehen müssen, wenn er Saramago wirklich gefolgt wäre, hat sich Feirelles nicht gewagt."
Laut Susan Vahabzadeh legt DIE STADT DER BLINDEN mit Triumphgeheul los und geht dann leise unter. "Im Kino wirken Parabeln allerdings oft leblos, vielleicht weil das von Personen lebt und nicht von Stellvertretern, von der Fülle der Details und nicht vom Minimalismus der Allgemeingültigkeit. Meirelles hat die Geschichte dann auch noch so beschleunigt, dass sie vieles verschleudert, die Bedeutung des Hungers beispielsweise - ein enttäuschender Auftakt. Und in manchen Momenten hat man den Eindruck, dass der Film selbst die Fühllosigkeit an den Tag legt, die er geißelt."
Meirelles versucht überhaupt nicht, künstliche Lichtblicke einzubauen, stellt Hanns-Georg Rodek fest. "Meirelles bleibt Saramago treu, indem er dessen Gesellschaftsentwurf nicht in ein Spektakel der Spezialeffekte verwandelt; selbst als die Eingeschlossenen gegen Schluss ausbrechen und durch eine apokalyptische Stadt ziehen, widersteht er dem Impuls, sich in Bildern der Zerstörung und des Wahnsinns zu suhlen. Seine Protagonisten sind auch nicht lediglich Stellvertreter für Saramagos Thesen vom Menschen, sondern durchaus Individuen, denen im Verlauf der zwei Stunden eine Weiterentwicklung gestattet wird."
Anke Westphal hat diese Geschichte "im Kino schon oft gesehen; sie wirkt auch jetzt beängstigend. Aber nicht verstörend. Unsere Vision von der Welt werde DIE STADT DER BLINDEN für immer verändern, verspricht der Verleih. Das sind zu große Worte für eine gewagte, aber auch gehemmt ambitionierte Festivaleröffnung."
Datenblatt des Films beim 61. Filmfestival in Cannes.
Lars-Olav Beier stört die Off-Stimme: Der Zuschauer wird oft "von gleißenden Einstellungen geblendet. Ob ein weiß gekachelter Boden oder ein Schuss Milch in einer Tasse Kaffee – nahezu jede Gelegenheit nutzt der Film, den Zuschauer dazu zu zwingen, angesichts der Helligkeit die Augen zusammenzukneifen. ... Wenn Julianne Moore gegen Ende des Films die Augen schließen möchte, um das ganze Elend nicht mehr sehen zu müssen, fährt der Schauspielerin ein geschwätziger Off-Kommentar in die Parade und erklärt den Zuschauern, was die Figur gerade fühlt und denkt. Wer Filme macht, muss dem Augenschein oft blind vertrauen."
Cristina Nord entdeckt hier eine Dystopie. "Fernando Meirelles Beitrag "Blindness" malt sie nach Kräften aus. Ein Zustand, in dem die Regeln der Zivilisation außer Kraft sind, in dem die Normalität aufgehoben ist, in dem die Institutionen versagen - ein Zustand, der vielen Filmen einen Rahmen gibt, zuletzt etwa CHILDREN OF MEN von Alfonso Cuarón oder WOLFZEIT von Michael Haneke. Nicht zufällig, - schließlich hat es großen Reiz, sich vorzustellen, wie eine Stadt aussieht, wenn ihre Bewohner nicht länger ihren geregelten Abläufen folgen, nichts mehr funktioniert. Wie gehen die Menschen miteinander um?"
Kühl hat der Film Jan Schulz-Ojala gelassen. Der Regisseur "macht aus diesem Material geradezu erschütternd wenig. Brav bebildert er die Stationen seiner Vorlage ... Im Bemühen, jene emotionale Leerstelle zu übertünchen, beschwört DIE STADT DER BLINDEN zwangsläufig weitere Mängel herauf. Die Musik tut bis zum Tinnitus-Terror alles, um auf ihrer Sinnebene den Seelenhorror der Figuren auszumalen - und setzt in den Momenten der Harmonie auf gröbsten Spieluhr-Kitsch. Und die spät eingreifende Erzählerstimme ist irgendwann nur mehr als Kapitulation der mise en scène zu verstehen, bis zum - erschöpften - Happyend, zu dem auch ein niedlich zottiger Terrier sein Teil besteuert."