| Regie | Martin Scorsese |
| Kinostart | 04.04.2008 |
Dokumentation über die Rolling Stones. Konzertmitschnitte von zwei Konzerten im Beacon Theatre, N.Y. am 29. Oktober und 1. November 2006 sowie Archivaufnahmen und Interviews.
Als Konzert findet Frank Junghänel den Film gut. "Die einen schauten bei SHINE A LIGHT nach einer halben Stunde auf die Uhr und waren fortan entschlossen, sich den Rest der Zeit zu langweilen, die anderen fühlten sich bis zum finalen "Satisfaction" gut unterhalten. Auffällig war, dass die eher der Filmkunst verpflichteten Zuschauer dieser in mancher Hinsicht distanzlos fotografierten Darbietung kaum etwas abgewinnen konnten, während sich Rockmusikkritiker gerade von diesem Blick aus nächster Nähe beeindrucken ließen."
Soll man sich SHINE A LIGHT ansehen, fragt Stefan Grissemann und sagt ja. "Konventionen des Genres scheut [der Regisseur] nicht. So findet sich die einzige Schwäche dieses neuen Films in den launigen Rückgriffen auf Archivmaterial aus der Frühzeit der Rolling Stones: Als hätte Scorsese dem Konzept der differenzierten Zustandsbeschreibung, des privilegierten Blicks auf eine längst mythische Band am Ende doch nicht ganz vertrauen wollen, verschneidet er das Konzert mit heiteren Interviewpassagen, die in ihrem Substanzmangel mit dem Rest des Films nicht ganz mithalten können."
Eine großspurige Inszenierung der Rolling Stones sah Christiane Lötsch. "Wie die Rolling Stones wurden, was sie sind, setzt Martin Scorsese als Allgemeinwissen voraus. Lediglich einige Ausschnitte von früheren Fernsehinterviews unterbrechen den Konzertmitschnitt; sie fassen die Hauptaussagen der Bandmitglieder über sich selbst zusammen. ... dann kann man erahnen, was den Erfolg des Phänomens Rolling Stones in den sechziger Jahren ausgemacht hat. Leider bleiben diese Szenen nur bruchstückhaft; der Film geht nach einigen Sekunden übergangslos zum Konzert zurück."
Verena Lueken fragt sich, warum nicht einmal ihr Fuß mitgewippt hat? "Zum einen ist es das Publikum, das sich herausgeputzt hat, als ginge es in die Oper - ein Abend war Bill Clintons sechzigster Geburtstag, und seine Gäste füllten einen guten Teil des sichtbaren Auditoriums. Mit den Kameras, die mächtig durchs Bild fahren, könnte man auch INDIANA JONES filmen, und es ist zu vermuten, dass vieles, was da auf Gitarren und Gürteln glitzert, nicht aus Glas ist. Kurz, alles an diesem Film stinkt nach Geld, und das ist, wenn es um Rockmusik geht, fatal."
Mariam Schaghaghi unterhält sich mit Keith Richards über seine Musik und den Film.
Meike Kolodziejczyk spricht mit Mick Jagger und Martin Scorsese über ihr obskures Objekt der Begierde.
Dieser Film ist ein ehrliches Produkt des Rock 'n' Roll und will auch nicht mehr sein, schreibt Holger Kreitling. "Martin Scorsese gibt sich alle Mühe, einen erzählerischen Rahmen zu entwickeln. Die ersten 15 Minuten sind hinreißend, wenn es um die Vorbereitung des Konzerts geht, um die Aufbauten, um die fehlende Titel-Liste. Der Star-Regisseur als hilfloser Gehilfe der Stars, das ist mit allerhand Chuzpe inszeniert. Erst ganz am Ende taucht Scorsese wieder auf, er öffnet eine Hintertür, die Kamera geht nach draußen und schwebt in den Himmel über Manhattan wie in "Gangs of New York", vermutlich zu Gott."
Überwältigung durch Technik hat Silvia Hallensleben ausgemacht. "Die Kommunikation in SHINE A LIGHT ist ganz in den Apparaten verschwunden. Spontaneität mag noch unter den Bandmitgliedern stattfinden, überschreitet aber nie die Bühnen-Kamera-Schranke. Und Scorseses Neugier reicht nicht einmal bis zum Publikum, das den Kameras bloß als Rahmenfüllung für die wenigen Totalen dient, wobei die ganz vorn platzierten hübschesten Blondinen gepflegt mit den Armen schwenken.Mit anderen Worten: Es dominiert unauffällig gefällige Anbiederung ans Geschehen."
Wie hier der Dokumentarist im eigenen Film auftaucht, geht jedenfalls über teilnehmende Beobachtung weit hinaus, schreibt Andreas Platthaus. "Das alles ist mit einer solchen Ironie in Szene gesetzt, dass SHINE A LIGHT selbst mitten im Konzert immer wieder zum Gelächter einlädt über diese vier Mittsechziger, denen ein weiterer Mittsechziger dabei zusieht, wie sie sich den Spaß ihres Lebens machen. Denn das hier, und das spürt man in jeder Sekunde, das ist ihr Leben. ... Was wird sonst noch bleiben von diesem Film? Mehr, als man erwartete, aber weniger, als man erhofft hatte. Scorsese hat weder den eigenen Konzertfilm LAST WALTZ erreicht noch GIMME SHELTER. Aber er hat uns ein mitreißendes Stück Musikkino beschert und der Berlinale einen Auftakt nach Maß."
Rüdiger Suchsland hat sich mit Martin Scorsese über seine Musikdokumentation unterhalten.
Große Namen sind nicht alles, bemerkt Sophie Albers. Sie entdeckt "ein Grundproblem des Konzertfilms: Drei Tage haben die Aufnahmen gedauert, natürlich gab es ein Storyboard, und Scorsese ist nicht gerade bekannt dafür, die Dinge einfach so laufen zu lassen. "Wir haben versucht, so nah wie möglich an die Live-Show heranzukommen", sagt er. Das Konzerterlebnis mit anderen Mitteln also?"
SHINE A LIGHT ist zu traditionell geraten: Mick und die Jungs rocken ihre Lieder runter, Einblicke ins Bandleben bekommt man nicht. Nur bei den Falten der Musiker geht die Kamera ganz nah ran, schreibt Peter Zander. "Eine dreifache Strategie konnte, durfte man sich versprechen: die Stones auf der Bühne, backstage – und die Stones von damals, aus Archivmaterial zusammengepuzzelt. Doch der Blick hinter die Bühne beschränkt sich auf wenige Minuten, die Ausschnitte von einst ergeben kein neues Bild, keine andere Sicht. Sieben Achtel des Films sind ein bloßer, reiner Konzertmitschnitt. In dem die Stones immerhin neben leidlich Bekanntem auch Titel spielen, die sie lange nicht oder noch nie live vorgetragen haben."
In erster Linie sah Frank Junghähnel ein Konzert. "Neu ist die Perspektive, aus der die Band zu beobachten ist. Muss man sich im Stadion mit der Totale begnügen, montiert Scorsese das Konzert aus tausenden Schüssen und Gegenschüssen, zumeist von Großaufnahmen. Er zersägt die Show und klebt sie wieder zusammen. Auf diese Art kommt man den Rolling Stones so nahe wie selten, allerdings ohne je die Distanz zu der Inszenierung zu verlieren. Interessanterweise gibt es nur wenige Augenblicke, in denen man das Gefühl hat, dass sich die Stones jenseits ihrer Routine bewegen."
Der Regisseur kommt der Band ziemlich nahe, schreibt Rüdiger Schaper. "Ein Musikfilm? Das natürlich auch – ein kluges, zartes Werk, das einen tief hineinzieht in das geplante und am Ende doch der Spontaneität des Augenblicks ausgelieferte Phänomen, das sich Rock'n'Roll nennt. Mit der ewig dräuenden Frage – how long? – ist SHINE A LIGHT im Grunde aber ein Naturfilm. Ein Film über Menschen. Über die Unsterblichkeit im vergänglichsten Gewerbe der Welt, der Rockmusik. Aus dem Leben der Echsen. So nah war man noch nie dran, so viele Falten und Furchen sah man in einem Rockfilm noch nie. Was auch an dem Aufgebot von über einem Dutzend berühmter Kameraleute liegt. Die Kameras rocken und rollen mit."
Nicht stoned hat der Film Markus Zinsmaier gemacht. "Was Scorsese dazu bewogen hat, sich der am meisten abgefilmten Band der Welt zu widmen, wird sein Geheimnis bleiben. Ein neuer Blick auf den Mythos der Rolling Stones ist ihm nicht gelungen. Anders als in seinem größtenteils aus Archivmaterial zusammengestellten, feinsinnigen Dylan-Porträt NO DIRECTION HOME wiederholt SHINE A LIGHT die Klischees der dienstältesten Rockband. Herauskommt ein größtenteils perfekt orchestrierter Konzertfilm, der den bereits bekannten Bildern keine neuen hinzuzufügen versteht."
Mehr als ein Konzertfilm ist ihm nicht gelungen - dabei zeigen die Stones sogar Sinn für Humor, meint Kerstin Rottmann. "Immerhin, zu Beginn seines sogenannten Dokumentarfilms versucht der Altmeister des US-Kinos denn auch einiges, um die Erwartungen der Filmzuschauer zu unterlaufen. Wie in einer glamouröseren Ausgabe der Muppet-Show ist Scorsese da als meckernder, pedantischer wirrter Alter porträtiert, der für seinen geplanten Konzertfilm versucht, die noch immer reichlich renitenten Rentner-Rocker auf seine perfekte Produktions-Linie zu bringen."
Martin Wolf ist enttäuscht: "Promis abgesehen, wirkt das Ganze wie ein gekonnt abgefilmter Stones-Auftritt bei "Wetten, dass ...?" – brave Nostalgie auf hohem Niveau, nur leider komplett überraschungsfrei. Die Stones seien "die meistdokumentierte Rockgruppe der Geschichte", sagt Scorsese; eine Dokumentation mehr oder weniger – wen stört's?"
Steffen Wagner ist des Lobes voll. "Ladies and gentlemen: The oldest garage band in the known universe! Man hört also alles das, was man auf den polierten offiziellen Live-Dvds und Cds mit all ihren Overdubs nie hört. Dabei bleibt anders als beim herkömmlichen Soundboard-Bootleg, jedem Instrument sein eigentümlicher Klang - soll heißen: Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards und Bläser sind im Mix so perfekt unterscheidbar, dass man die Summe der einzelnen Teile und alle schmutzigen, kleinen Fehler hört. Besser geht’s nicht."
Laut Katrin Knauth versucht der Regisseur "an die Liste der Reihenfolge der Songs zu kommen. Nicht so einfach, schließlich steht die erst kurz vor Konzertbeginn fest. Kein leichtes Unterfangen für einen Regisseur, der seinen Film und den Einsatz der Kameras vorher planen muss. Der Hauptteil des Films besteht aus Konzertszenen – der Film ist ein Konzert – dazwischen gibt es Archivmaterial von Interviews aus den letzten vierzig Jahren, darunter die wohl dämlichsten Fragen, die den Stones von Journalisten je gestellt worden."
Mit Peter Beddies spricht der Regisseur Martin Scorsese über seine Leidenschaft für Musik, über das Tanzen - und natürlich die Rolling Stones.
Laut Andreas Platthaus lässt sich SHINE A LIGHT auf große Konkurrenz ein und untersucht andere Stones-Dokumentationen. "Martin Scorsese kann sich also einiges darauf einbilden, die Zusage für SHINE A LIGHT bekommen zu haben. Aber er hatte seine eigenen Bedingungen: Das angebotene Mammutkonzert vor anderthalb Millionen Besuchern an der Copacabana lehnte er ab (dieser Abend findet sich nun auf "The Biggest Bang"), stattdessen filmte er die Band im kleinen Konzertsaal "Beacon Theatre" - einer Bühne, wie die Stones sie zur Einstimmung auf ihre Tourneen lieben."
Doppelter Ego-Trip: Wenn Martin Scorseses Rolling-Stones-Film so öde sein sollte wie seine letzten Band-Porträts, dann sind schnarchende Stunden garantiert, mutmaßt Karl Bruckmaier. "Scorsese selbst ist in Musikfilmen seiner einfachen Bilderstrickweise derart verfallen, dass seine Blues-Dokumentation oder das von der Kritik hochgejubelte Dylan-Stück NO DIRECTION HOME von 2005 in seiner ganzen über dreistündigen Einfalt jede durchschnittliche ARD-Doku als Experimentalfilm erstrahlen lässt."
Juan Moreno schreibt einen offenen Brief an Mick Jagger: "Es geht in den Filmen in Wahrheit gar nicht um die Geschichte der Musiker, es geht um die Geschichte des Zuschauers. Die Jugend des Zuschauers, die Jugend des Fans, die Jugend der nicht mehr so jungen Männer in den Ressortleitungen der Zeitungen und Magazine, die das alles ein bisschen ironisch kommentieren, aber die Filme dann doch ganz groß ankündigen. Nostalgie ist gedachte Heimat, und sie verkauft sich gut, fast so gut wie Sex und Eisbär-Babys mit schwieriger Sozialprognose."