| Regie | Sven Taddicken |
| Jan Christoph Glaser | |
| Jakob Ziemnicki | |
| Carsten Ludwig | |
| Kinostart | 01.05.2008 |
Ein elfjähriger Türke, zwei Jugendliche aus der Kleinstadt und ein gehörnter Provinzpolizist: Sie alle verschlägt es am 1. Mai nach Kreuzberg, wo wie jedes Jahr die Emotionen hochkochen. Vier Leben, vier unterschiedliche Biografien und Ausgangssituationen. Vier Menschen, die ihren ganz persönlichen 1. Mai erleben, nach dem nichts mehr sein wird wie zuvor.
Überraschend authentisch findet Detlef Kuhlbrodt das Kreuzberg. "Die einzelnen Figuren sind mit Respekt gezeichnet und durchgehend gut besetzt. Vor allem beeindruckt Cemal Kubasi, der mimisch sehr schön veranschaulicht, wie es langsam in dem kleinen Yavuz arbeitet, als Dinge geschehen, die sein bisheriges Weltbild ins Wanken bringen. Am Ende treffen sich alle im Urbankrankenhaus. Darüber, ob die ganz große Katastrophe notwendig war, von der man nun erfährt, lässt sich streiten."
Laut Susan Vahabzadeh findet der Film viel Mordlust und andere Psychomacken. "Aber die kleinen Mosaikstückchen fügen sich zu einem Bild. In seinen besten Momenten will man den Film nochmal sehen in zehn Jahren, schauen, was von der erspürten Stimmung tatsächlich überprüfbare Wahrheit geworden ist - ob es tatsächlich so war wie in diesem Film: Nichts war in Ordnung, aber keiner wollte mehr irgendwas, der Anfang des Rückzugs in die gesamtgesellschaftliche Depression. So wie die Bilder vom Anfang, die Erinnerungen an die Achtziger, im Nachhinein den Reiz später Erkenntnis entwickeln."
Hans-Jörg Rother entdeckt viel Gefühlsstau. "Die Urheber des Films laden eine gehörige Ladung Frust beim Zuschauer ab - ein gewisses Szenepublikum mag dies erheiternd finden. Aber liegt in dem einkalkulierten Lachen über die bösen Zwischenfälle des Lebens nicht eine Portion Zynismus? Gequälte Lustigkeit, wie sie schon Sven Taddickens preisgekröntes Kinodebüt EMMAS GLÜCK auszeichnete, scheint hierzulande viel Anklang zu finden, womöglich, weil sie harte Lebensprobleme in Spaßkultur verwandelt und den Betrachter der eigenen Betroffenheit enthebt."
Ralf Schenk entdeckt die These hinter den Episoden: Das Private, nicht das Politische, als Initialzündung für Ausbrüche. "Momentaufnahmen aus der Wirklichkeit, die insgesamt aber den fatalen Eindruck einer Ansammlung von Klischees hinterlassen. Fragt sich nur, ob die Realität eben aus Klischees besteht - oder ob sich in den Köpfen der Autoren schon vor Drehbeginn jene Muster festgesetzt hatten, die dann zu Geschichten verdichtet wurden? ... Viele Klischees und Versatzstücke, aber trotz starker Darsteller nur wenige Momente, die haften bleiben."
Kollektiv, subversiv und explosiv findet Christiane Peitz die Episoden. "Die im Dokufiction-Stil inszenierten, ineinander verwobenen und mit coolem Soundmix angereicherten Episoden richten den Fokus weniger auf die Straßenkrawalle als auf den Psychostress, auf Coming-of-Age- und Midlife-Krisen. Stau, jetzt geht's los. Eine Gewaltspirale gerät in Gang, ein Wahnsinnstrip, dessen Strudel die Bilder erfasst. Gefahr im Verzug: Mehr und mehr krankt der Film an der Überdosis seiner explosiven Stoffe, all der Hauptdramen und Nebentragödien, was ihm einen fatalistischen Drall verleiht."
Unstimmig findet Peter Zander den Episodenfilm. "Es hätte dies ein repräsentativer Gesellschaftsquerschnitt werden können oder ein beißender Kommentar auf den Eintagsfliegen-Anarchismus der Hauptstadt, über den der Rest der Republik nur den Kopf schüttelt. Es ist aber bloß die Aneinanderreihung dreier kleiner Geschichten geworden, die weder zusammen laufen noch raffiniert nebeneinander her, sich eher gegenseitig im Spannungsbogen stören."
Michael Kienzl hat sich nicht überzeugen lassen. "Die scheinbar so spontanen und dokumentarischen Ansätze der Regisseure verhindern nicht, dass er über weite Strecken viel zu konstruiert wirkt. So besuchen die beiden bürgerlichen Krawallbrüder vor der Mai-Demo noch ein Museum, lassen sich von den Kunstwerken berieseln und geben alberne Sätze wie "Ich mag die Struktur" von sich. Überhaupt bestehen die Dialoge überwiegend aus Phrasen, die man auch in jeder Seifenoper zu hören bekommt."
Dies ist laut Thomas Engel ein "gemeinsamer Versuch der möglichst authentischen Schilderung dreier Schicksalsgeschichten, die zunächst politisch überwölbt erscheinen, dann aber gänzlich ins Individuelle, Private, Emotionale gehen."
Michael Meyns sah einen überzeugenden "Film, der trotz vier verschiedener Kameraleute, diverser Cutter, Autoren und Regisseure aussieht wie ein Ganzes. Der vermeidet dankenswerterweise eine Stilisierung des 1. Mai zu einem politisch relevanten Ereignis, eine Heroisierung der Randale zu einem Akt der Systemkritik. Stattdessen gehen die Episoden weit über den 1. Mai hinaus und nutzen diesen nur als Hintergrund für wesentlich relevantere Fragestellungen."
Ein gewagter Episodenfilm, der sich als erstaunlich rund und wie aus einem Guss präsentiert, lobt Joachim Kurz. "Sicherlich bedient sich der Film, wie mancher Kritiker anmerkte, einiger Klischees (welcher Film tut das nicht?), insgesamt aber stellt er in mehrfacher Hinsicht ein gelungenes Experiment dar, das jungen Filmemachern eigentlich Mut machen sollte. Denn zum einen zeigt er, dass neue Konzepte und Erzählweisen durchaus eine Chance haben, realisiert zu werden ... Und zum zweiten dekonstruiert 1. Mai gnadenlos und ohne erhobenen Zeigefinger die Spießigkeit mancher Revolutionäre, deren Motive in manchen Fällen mehr als fragwürdig oder schlichtweg dumm sind."
Ein Panoptikum greller Klischees sah Rüdiger Suchsland. "Wenn man BERLIN - 1. MAI ansieht, drängt sich der Gedanke auf, die einzige Kontinuität im deutschen Film sei der Vatermord, der im Kino immer auch mit der Verweigerung zu tun hat, sich auf künstlerische Erfahrung zu beziehen. Aber "avanti dilettanti" ist kein gutes Rezept fürs Filmemachen, und mit bloßer Sehnsucht ist es nicht getan. Beides belegt "Berlin 1. Mai" präzis, bei dem nur die von Sven Taddicken gedrehte Episode einigen Charme hat. Immerhin ist diese Polit-Exploitation ein passender Eröffnungsfilm, weil danach alles nur besser wird."
Einen Episodenfilm rund um den Krawalltag in Kreuzberg sah Matthias Oloew, "aber nicht einen, der die Geschichten nur aneinanderreiht. Auch dient der 1. Mai nur als Hintergrund für Handlung. Dass es am Ende tatsächlich geklappt hat, ein geschlossener Spielfilm dabei herausgekommen ist, hängt auch mit dem ungewöhnlichen Entstehungsprozess zusammen, den die Produzenten vorgaben und auf die sich die vier einließen, bevor es losging."