| Regie | Errol Morris |
| Kinostart | 29.05.2008 |
Der Film erinnert an die Skandale um Menschenrechtsverletzungen im Gefängniskomplex Abu Ghraib bei Bagdad und beleuchtet Hintergründe des so genannten "Antiterrorkrieges".
Wahres Blut fließt nicht in Zeitlupe, kritisiert Andreas Kilb. "Eine merkwürdige Scheu vor Bildern beherrscht diesen Film, eine Furcht vor dem, was sie sind, und dem, was sie auslösen können. Deshalb arbeitet „Standard Operating Procedure“ unaufhörlich daran, die Bilder durch andere Bilder zum Schweigen zu bringen. Sie zu übertönen, zu beschriften, zu ergänzen, zu kommentieren, ihren Inhalt nachzustellen, ihre Form aufzulösen. Es ist ein Film, der an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, auf eine merkwürdige, verquere und zugleich nur allzu bekannte Weise. Denn eigentlich sind die Bilder des Schreckens alles, was er hat. Aber der Film will mehr, viel mehr - und bekommt so viel weniger."
Analytisch, unbewegt, brillant, nennt Tobias Kniebe die Dokumentation. Er kann noch nicht einmal sagen, "wo der Autor selbst eigentlich steht. Und genau darin liegt seine verstörende Größe. Denn der tatsächliche Wahnsinn dieses kafkaesken Folterbunkers enthüllt sich zum Beispiel gerade nicht aus der Position der moralischen Klarheit heraus. Schlagend wird er erst in dem Moment sichtbar, wo Morris auch Verhörexperten des US-Militärs befragt, sich versuchsweise auf deren Weltsicht einlässt, auf die kühle Kosten-Nutzen-Rechnung des Pentagon."
Die Bilder selbst sind das eigentliche Belastungsmaterial, stellt Bert Rebhandl fest. "Vor allem diese Inszenierungen, die dem Film einen Rhythmus und eine konventionelle Dramaturgie geben, haben viel Unbehagen hervorgerufen - sie sind aber nun einmal das Stilmittel, mit dem Errol Morris berühmt geworden ist. ... Sie versuchen, in das Innere von Vorgängen zu gelangen, die für ein alltägliches Verständnis schwer erreichbar sind. Zugleich gilt für STANDARD OPERATING PROCEDURE aber auch, was für die meisten Filme von Errol Morris gilt: Sie sind engagierte und sorgfältige Recherchen, die an die Macht der Bilder gerade dann glauben, wenn diese schwer zu ertragen sind."
Dies ist ein Guido-Knopp-Format für die anpolitisierte Jugend, meint Diedrich Diederichsen. Der Filmemacher "traut sich nicht, zu behaupten und seine Ansätze zu Ende zu denken, von Essayistik und Kasuistik ist er weit entfernt. Er denkt nur über Fotostrategien nach. ... Die Elfman-Musik packt aber all diese Ungereimtheiten, die gespreizte Fotografie und die aufgeblähten Kindergesichter der mitleiderregenden Folterer in eine wattige Geschlossenheit ein, einen narrativen Ausflug, der weder in den Irak noch in das amerikanische Hinterland geführt hat."
Schöne Bilder hat Hanno Harnisch von diesem Film nicht erwartet. "Minutiös reiht Morris Foto an Foto, vergleicht Aufnahmedatum, Folterdauer, dokumentiert die einzelnen Kameras und Blickwinkel. Als ob er dieser Arbeit aber nicht vertraut, bringt er auch verfremdete Spielszenen und computeranimierte Raumkoordinaten in seinen Film. Das hätten die – ohnehin schon bewegenden – Bilder und Interviews dieses so sehenswerten Filmes eigentlich nicht mehr gebraucht."
Die Mitteln des Film findet Peter Zander höchst fragwürdig. "Es ist ein absolutes Verdienst von Morris, den Skandal hinter diesem Skandal aufzudecken. Wären da nur nicht jene nachgestellten Szenen, die ganz hollywoodgemäß inszeniert werden, um die Wirkung zu erhöhen. Freilich: Auch der Dokumentarfilm sucht immer neue ästhetische wie moralische Grenzbereiche auszuloten. ... Die Grenzen des Genres werden so immer neu ausgereizt. Ein Film, der über die Wirkung von Bildern reflektiert, hätte es gleichwohl nicht nötig gehabt, dazu eigene zu inszenieren."
Mit Thomas Abeltshauser redet Dokumentarfilmer Errol Morris über Kriegsfotografie, Digitalkameras und die Wahrheit von Bildern.
Amerikas Schande sah Andres Veiel. "Manchmal wirkt sein Film wie ein einziges Plädoyer gegen die Verurteilung der kleinen Täter, die man bestraft hat, um die eigentlich Verantwortlichen unbehelligt zu lassen. Aus dieser Komplizenschaft heraus entgeht Morris die Möglichkeit, bestimmte Rechtfertigungsschablonen der Täter aufzubrechen, die aus anderen Gerichtsprozessen, in denen "normale Menschen" zu Folterern oder gar Mördern wurden, hinlänglich bekannt sind."
Eine Geschichte aus dem Herzen der Finsternis sah Christiane Peitz. "Mit Hilfe der Fotos von drei Soldaten, zahlreicher Interviews mit den Tätern und denen, die den Fall untersuchten, mit nachgestellten Misshandlungsszenen, einem bombastischen Soundtrack von Danny Elfman und überhaupt allen Mitteln der suggestiven Filmkunst rekonstruiert Morris den Psychostress von Abu Ghraib: die explosive Mischung aus Panik, Überforderung, Hilflosigkeit, Frustration, rechtsfreiem Raum und sexuell aufgeladener Gewaltbereitschaft. STANDARD OPERATING PROCEDURE ist ein Versuch über die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen zu Unmenschen werden."
Weiter als in seinen bisherigen Werken entwickelt Morris in Standard Operating Procedure neben den unvergleichlichen Interviews, die in der endgültigen Schnittfassung fast ohne seine Stimme auskommen, eine ganz eigene Bildsprache, lobt Sascha Keilholz. "Dabei vermengen sich assoziative Aufnahmen mit Sequenzen, die sich dem Re-Enactment nähern, ohne jemals szenenhaft zu werden. So setzt der Regisseur dem Grauen der Bilder, die von Stumpfsinn geprägt sind und Abscheu provozieren, Aufnahmen von formvollendeter Schönheit entgegen. Was dem Film in seiner Komplexität nicht nur ein weiteres irritierendes Moment verleiht, sondern ihn auch vom konkreten Gegenstand ablöst und eben wie bei Malick einen Raum der Meditation und Kontemplation schafft."
Ist die Werbefilm-Ästhetik des langjährigen Werbefilmers Morris bei einer Dokumentation zulässig, fragt Dieter Oßwald? "Anders als Michael Moore manipuliert Morris sein Publikum nur in stilistischen Grenzen. Dass er bei seinem Feldzug für die Wahrheit eine wahre Armada cineastischer Mittel einsetzt, von Cinemascope in 35 mm über den Soundtrack bis zur Zeitlupe, ist durchaus legitim. Denn Morris verzichtet auf Polemik. Er bleibt teilnehmender Beobachter mit exzellenter Interview-Technik: Der nette Mensch von nebenan: Ein Monster! Dabei geraten die Zusammenhänge nie aus dem Blickfeld: Die Folter war kein Betriebsunfall, sondern systematische Politik der US-Militärs. Verurteilt wurden nur die einfachen Dienstgrade."
Thomas Klein spricht mit Regisseur Errol Morris über die Hintergründe zu S.O.P. STANDARD OPERATING PROCEDURE.
Bei Joachim Kurz hinterlässt der Dokumentarfilm ein merkwürdig gespaltenes Gefühl. "Und das liegt vor allem an manchen Mitteln der Inszenierung, die Errol Morris wählt. Da ist zuallererst die dramatisierende Filmmusik von Danny Elfman, die dem Film zwar Drive gibt, deren Klangfarbe sich aber oft mit den Bildern reibt. Auch die nachgestellten Bilder, die immer wieder extreme Close-ups von Patronenhülsen, Ameisen oder fallenden Spielkarten mit den Bildern irakische Kriegsverbrecher zeigen ..., wirken merkwürdig deplaziert, sie dramatisieren und ästhetisieren einen Schrecken, der dieser filmischen Mittel nicht bedarf."
Mark Stöhr ist entsetzt: Der Regisseur demütigt die Opfer ein zweites Mal. "Errol Morris bedient sich in S.O.P. STANDARD OPERATING PROCEDURE ungeniert der Überwältigungsstrategien des Katastrophenfilms. Er will uns erschrecken und erschüttern. Dafür schenkt er uns ab und an ein Lachen. Das soll uns Erleichterung verschaffen in diesem Inferno der bösen Bilder und der an- und abschwellenden Posaunen. ... Er kann seine hochtourige Imaginationsmaschine anschmeißen und sich die Welt bauen, so wie er sie braucht. Gefühlspolitik mit Pauken und Trompeten. Mit einem Dokumentarfilm hat das jedoch wenig zu tun."
Für Harald Jähner ist dies ein Dokumentarfilm "über die Macht der Bilder, über Sadismus und Voyeurismus und eine besonders perfide Form des Amateurkinos und der Fotografie, gedreht und geknipst auf drei Digitalkameras von US-Soldaten. ... Ein besondere Dynamik entsteht durch die Präsenz der kleinen Digitalkameras. Der Filmer Morris arbeitet heraus, wie in Abu Ghraib für die Kamera gefoltert wurde, wie man posierte und inszenierte. Eine sexualisierte Atmosphäre herrschte unter dem Gefängnispersonal ohnehin, wie andere Bilder belegen. ... So ist S.O.P. STANDARD OPERATING PROCEDURE ein wirklich trauriger Film über die Gewalt des Film geworden."
Um die Bilder zu verstehen, müssen wir wissen, was jenseits des Bilderrahmens passiert, meint Stefan Reinecke. Morris verschachtelt die Fotos mit Interviews mit den Beteiligten und nachgespielten, stets in verwaschenen Farben gehaltenen, verwackelten Spielszenen. Es gibt keinen Off-Kommentar - die Frage, die verhandelt wird, liegt auf der Hand: Wie kam es zu diesen Exzessen? ... S.O.P. STANDARD OPERATING PROCEDURE zeigt keine Monster, sondern ganz normale Menschen. Der Schrecken, der diesem Film innewohnt, speist sich nicht aus den sadomasochistischen Bildern. Er kommt aus den Worten, der Auflösung der Grenze zwischen Normalität und Terror."
Das Problem eines solchen Films besteht für Harald Martenstein darin, dass ein amerikakritisches, westliches Publikum schon alles über Abu Ghraib zu wissen glaubt. "Morris hat den Anspruch, die "Wahrheit hinter den Bildern" zu zeigen, die fast jeder von Abu Ghraib im Kopf trägt. Sein Film hinterlässt, bei all seinen Stärken, einen zwiespältigen Eindruck, weil der Regisseur selbst seine Bilder immer wieder künstlich dramatisiert und zu einer manchmal sogar ärgerlich opernhaften Inszenierung neigt."
Was hat er Neues über Abu Ghraib erfahren, fragt sich Steffen Wagner und kommt zu der lakonischen Antwort: Nichts. "Diese Armut an neuen Fakten macht es umso verwunderlicher, dass Morris die Opfer nie zu Wort kommen lässt. Nach eigenen Angaben hat er zwei von ihnen interviewt. Andererseits bin ich froh, dass es ihnen erspart geblieben ist, Teil dieses Films zu sein, der die Opfer durch seine Machart immer wieder entwürdigt. Es gibt auch eine Ethik des Filmens, gerade bei einer Dokumentation. Offensichtlich hat sie weder für Errol Morris noch für das Auswahlkomitee des Berlinale-Wettbewerbs eine Rolle gespielt."
Christiane Peitz ist dem amerikanischen Dokumentarfilmer Errol Morris begegnet, der ihr einiges über seinen Film S.O.P. STANDARD OPERATING PROCEDURE und über Abu Ghraib, die Macht der Kamera und die Würde der Opfer erzählt.
Einen außerordentlichen Film über die Macht der Bilder und den moralischen Bankrott der USA sah Lars-Olav Beier. "Morris' Beitrag ist aber weit mehr als eine anklagende politische Dokumentation über Folter und Misshandlung, er macht ganz bewusst auch die neue ubiquitäre Macht der digitalen Bilder zum Thema. Ohne sie kein Skandal, keine Aufklärung (anhand der digitalen Bildinformationen wurden Tatzeitpunkte und Täter ermittelt) und keine Verurteilungen. Doch die Bilder, so Morris' These, verschleiern so viel, wie sie zeigen - vor allem die Verantwortlichkeiten."
Laut Hanns-Georg Rodek fragt der Regisseur nicht nach Moral und Reue. "Errol Morris' Film ist nicht eifernd wie Kollege Michael Moore, eher kühl beschreibend. Ein paar Mal inszeniert er allerdings zu unserem Erstaunen noch Bilder hinzu, meist in Großaufnahme und Zeitlupe: tatsächliche Ereignisse – wie das Kind, das des Nachts in einer Kellerzelle von riesigen Ameisen überfallen wird –, aber es wirkt, als befürchte Morris, die Wirkung der weltweit verbreiteten Horrorbilder habe sich schon abgenutzt, und er müsse eine höhere Schreckensschwelle überspringen ... Von den damaligen Abu-Ghraib-Insassen war trotz intensiver Suche niemand aufzutreiben. Morris weiß nicht einmal, wie viele noch leben."