| Regie | Tim Burton |
| Kinostart | 21.02.2008 |
Sweeney Todd wird unschuldig ins Gefängnis geworfen und schwört Rache nicht nur für seine Strafe, sondern auch für das grausige Schicksal, das seine Frau und Tochter erleiden müssen. Eines Tages kehrt er zurück, arbeitet wieder als Frisör und steigt zum dämonischen Barbier der Fleet Street auf. Mrs. Lovett backt diabolische Fleischpasteten und wird Sweeneys Geliebte und Komplizin.
Für Michael Althen ist der Film genau das, was er sich unter "einem Tim-Burton-Film vorstellt: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, viktorianische Kulissen, jede Menge Kunstblut. Wer darauf hofft, dass der Umstand, dass es sich um eine Musical-Verfilmung handelt, diesen Zutaten irgendetwas hinzufügt, wird bitter enttäuscht. Das Musical von Stephen Sondheim gefällt sich nicht nur in jener Art von mäßig komponierten, schlecht gereimten Selbstgefälligkeiten, die Filmmusical-Fans von jeher den Zugang zu Bühnenmusicals verstellt hat, sondern wird von Burton auch noch ohne jedes Gefühl für Musik und Choreographie inszeniert. Es gibt nicht einen einzigen Song, der im Ohr bliebe, nicht eine Szene, die sich über das bleierne Material emporschwingen würde. Alles ist so trocken wie das Talkumpuder, unter dem die Helden lebendig begraben sind."
Tim Burton hat sich schon immer in den Schattenzonen der bürgerlichen Gesellschaft bewegt, schreibt Anke Sterneborg. "Doch noch nie zuvor war er dabei so kalt, ernst und grausam wie hier. Es ist ein echter Schock, wenn Sweeney seine Klinge mit Furor durchs weiße Fleisch der Kehlen zieht, bis rotes Blut in eine Welt sprudelt, die der große Ausstatter Dante Ferretti aller anderen Farben systematisch beraubt hat. Und wenn die Leichen anschließend in die Tiefe sausen, dann fallen sie nicht wie Puppen, sondern schwer und dumpf wie echte Körper. Dabei entsteht eine eigentümliche Mischung aus Dickens-Realismus, theatralisch überhöhter Künstlichkeit und verwunschenem Horrormärchen - und die Lieder des Musicals fügen sich in diesen Kosmos erstaunlich harmonisch ein."
Als seltsam blutleer bezeichnet Georg Diez den Film; es passt einfach alles zu gut. "Der Film leidet ein wenig an der Burton-Methode – der Regisseur beherrscht mittlerweile seine Bilder, seine Stimmungen, sein Tempo so perfekt, dass seinem widersinnigen Witz und seiner im positiven Sinn pubertären Traurigkeit wenig Raum bleiben. Selbst der Borat-Anarchist Sacha Baron Cohen, der einen Kurzauftritt hat als Sweeney Todds italienisierender Barbier-Konkurrent, wirkt seltsam handzahm in diesem bösen grauen Familienfilm."
Vorallem Ekelästhetik nahm Rüdiger Suchsland wahr. "Filmisch ist SWEENEY TODD ein Musical und ein Splatterfilm, und damit gleich doppelt ungemein modisch: HOSTEL meets CHICAGO, wenn man es so ausdrücken möchte. Es ist ein schwarzromantisches, aber auch skurriles Kino, zitatsatt von FRANKENSTEINS BRAUT bis ADDAMS FAMILY, von Boris Karloff bis Christopher Lee weckt der Film vor allem Erinnerungen an den klassischen Horrorfilm. Herrlich düster, mitunter auf die Schönheit des Makabren und Schaurigen, vor allem aber auf Ekelästhetik setzend - burleskes "Théâtre du Grand Guignol", wie fast Burtons gesamtes Werk. Aber eben auch zuviel Subtext, zuwenig Substanz."
Harald Peters ist enttäuscht und sieht nichts Neues in dem Film. "Hinsichtlich Werktreue, Schwermut und Ernst mag Burtons Filmfassung Sondheims Musical wohl in vielerlei Hinsicht gerecht werden, doch die große Chance, ein groteskes Blutbad mit stimmungsvoller Gesangsbegleitung zu schaffen, hat er vertan. SWEENEY TODD ist nicht der Mordsspaß, den man erhofft hatte."
Mariam Schaghaghi unterhält sich mit Tim Burton über sein leichtes, fröhliches, witziges Musical SWEENEY TODD.
So düster und hoffnungslos war Tim Burton noch nie, schreibt Dietmar Kammerer. SWEENEY TODD ist "weniger große Oper als bittere Moritat, eine an der Straßenecke zum Grusel des Publikums vorgetragene Schauerballade, eine Reverenz an die Frühform von Exploitation. Burton-Fans werden den Sinn für die Anarchie der Fantasie vermissen, der seine Filme sonst auszeichnet. Allzu deutlich sieht man vielen Szenen an, dass sie nicht in Handarbeit, sondern am Computer entstanden sind: auf befremdliche Weise ist der Schmutz merkwürdig glatt."
Daniela Sannwald fühlte sich an den expressionistischen Stummfilm erinnert. "Burtons Londoner Topografie erinnert an die kunstvoll verzogenen Bauten, an die in Kulissen gemalten Schatten, die schiefen Winkel und Ebenen des expressionistischen deutschen Stummfilms. Auch die grau-blaue Monotonie der Stadtlandschaft, der Kostüme und des Interieurs wirkt fast schwarz-weiß. Dabei ist SWEENEY TODD ein Farbfilm und alles andere als stumm, da mag Johnny Depp in der Hauptrolle seinen Darstellungsstil dem Dekor noch so sehr angepasst haben – mit einer ausgreifenden, grotesken Gestik, die dessen Bizarrerie auf ihre Weise kommentiert."
Caroline M. Buck mag den Regisseur: "Vom ominösen Feuerregen zu Beginn bis zur blutigen Pietà des Finales, vom grausigen schwarzen Rauch der Ofenschlote und der langen Folge eher nebenbei durchschnittener Kehlen, die wie ein Refrain einen zentralen Song begleitet, von der Lovett'schen Hexenfrisur bis zu Depps bleichem Antlitz und selbst noch den vergleichsweise blutleeren jugendlichen Liebhabern, deren Naivität sie vor der physischen, nicht aber vor der psychischen Zerstörung rettet, ist dies ein Film von Tim Burton. ... Burton/Sondheims morbide Monster wiederholen ihre Obsessionen in einem Score, der viel von Kurt Weill gelernt hat, und die Stars – sie singen selbst – schlagen sich dabei recht wacker."
Viel Kinoblut hat Michel Bodmer ausgemacht. Die Protagonisten des Regisseurs "sind oft zerrissene Borderline-Typen, die sich kreativ ausleben wollen, manchmal mit positiven Folgen, manchmal mit zwiespältigem Resultat. In SWEENEY TODD nun kippt die frustrierte Kreativität um in zerstörerischen Nihilismus. Der Meisterbarbier Barker, seiner Liebe, seiner Kunst und seiner Freiheit beraubt und von Mrs Lovett manipuliert, wird bar jeder Hoffnung zum skrupellosen Rächer. Die silbernen Rasiermesser, die seinen "Arm erst wieder vervollständigen", zersäbeln die entblössten Kehlen seiner Kunden, bevor er diese kopfvoran in den Keller krachen lässt."
Die Verfilmung des Erfolgsmusicals wurde laut Manuel Brug eine bluttriefende wie unterhaltsam-böse Leinwand-Realität, mit Einschränkungen. "Burton wollte sich den genremäßigen Zwängen einer Bühnenvorlage unterwerfen. Trotzdem hatte das Musical bei der Überführung in ein anderes Genre massive Veränderungen hinzunehmen. Der so kunstfertig gosseneklige, mit Ratten und Straßengesindel übervölkerte Stilkompromiss kann sich dennoch hören und sehen lassen. Johnny Depp singt hier selbst, mit kleiner zerbrechlicher Stimme, dabei konzentriert und groß."
Anke Westphal ist besonders begeistert vom singenden Johnny Depp und auch der Regisseur hat es wieder geschafft. "Mit größter Hingabe inszeniert er in seinen Filmen die furchtbarsten Albträume, führt uns nicht einfach in Irrenhäuser oder auf Friedhöfe, sondern in die Abgründe der Seele. Denn es geht bei Burton immer auch um die Korrumpiertheit herrschender Moral, die in SWEENEY TODD aufs Abscheulichste von Turpin verkörpert wird: Im Vergleich mit dem sinistren Richter muss einem ein Mörder wie Todd geradezu als Sympathieträger erscheinen. Diese Umwertung - und dazu die sehr spezielle Vorstellung des Regisseurs von einem Happy End - mag nicht jedermanns Sache sein, doch Burtons dunkle Welten sind ungeheuer reich, weil es in ihnen eines gibt: Liebe."
Laut Daniel Kothenschulte ist dies das ideale Sujet für Tim Burton, diesen größten Stilisten im phantastischen Kino der Gegenwart. "Alles sieht aus wie immer bei Tim Burton, zugleich aber kommt der imaginative Fluss seiner Phantasie zwischendurch zum Stillstand. Dies aber geschah ganz gewiss nur aus Respekt und aus Bewunderung vor der Bühnenvorlage. Ihr gegenüber macht Burton alles richtig: Er betont den Realismus im Dekor und auch den unpathetischen Ton der narrativen Songs. Er nimmt sie so ernst wie kaum eines seiner Filmthemen zuvor. Obwohl auch das Makabere ja seine leichten Seiten hat. Gut möglich, dass die Kuchen des Sweeney Todd leichter herunter gingen als sein filmisches Denkmal."
Das Gruseligste an diesem grandiosen Gruselfilm aus einem todfinsteren London ist die Musik, stellt Wolfgang Höbel fest. "Der sagenhafte Mister Depp singt hier fast pausenlos ausgesucht scheußliche Lieder. Großartig ist der Film trotzdem - und ein Fest nicht nur für Tim Burton-Fans, die diesen Regisseur für düstere Geniestreiche wie EDWARD MIT DEN SCHEREENHÄNDEN, SLEEPY HOLLOW oder THE CORPSE BRIDE lieben, sondern auch für Bewunderer des wackeren Johnny Depp: Mit so viel kochendem Herzblut hat er sich wohl nie in eine Rolle gestürzt wie in die des Sweeney Todd, eines Massenmörders aus gebrochenem Herzen."
Im Grunde ist Burtons Film ein Anti-Musical, soll heißen: er verkehrt die gängigen Genremuster und stellt die Konventionen auf den Kopf, lobt Welf Lindner. "Die üblichen Choreographien oder groß angelegten Tanznummern sucht man hier vergebens. Stattdessen inszeniert Burton die Songnummern auf geradezu intime Weise – oftmals in Großaufnahmen von ein oder zwei Figuren – und integriert sie weitgehend in den dramatischen Handlungsfluss. Die Gesangseinlagen werden durch Laien-Sänger wiedergegeben. Johnny Depp singt zum ersten Mal – und macht dabei keine schlechte Figur: seine Singstimme besitzt eine angenehme Klangfarbe, vor allem aber ist ihr eine emotionale Überzeugungskraft zu Eigen."
Marcus Wessel lobt besonders den Hauptdarsteller. "Depp meistert die Musicaleinlagen mit Bravour. Seine sonore Stimme passt perfekt zu SWEENEY TODDs mysteriösen, dunklen Charakter und zur düsteren Atmosphäre, die der Film mit seiner verstörend schönen wie blutigen Einleitungssequenz vorgibt. Helena Bonham Carter, Burtons Ehefrau und die zweite schauspielerische Konstante während seiner letzten Arbeiten, merkt man dagegen an, dass das Musical nicht unbedingt ihre Domäne ist. In anspruchsvolleren Gesangspassagen wirkt Bonhams Stimme allzu dünn."