| Regie | Sidney Lumet |
| Kinostart | 10.04.2008 |
Andy bezieht als Geschäftsführer eines Wirtschaftsprüfungsunternehmens ein sechsstelliges Jahreseinkommen und ist mit einer schönen Frau verheiratet. Sein jüngerer Bruder Hank dagegen ist geschieden, lebt allein in einem kleinen Apartment, ist mit den Unterhaltszahlungen für seine Tochter hoffnungslos im Verzug, trinkt zu viel und hat eine Affäre ... mit der Frau seines Bruders. Dennoch ist es Andy, der von beiden die größeren Probleme hat. Seine Ehe mit Gina steht kurz vor dem Scheitern, und um seinen extravaganten Lebensstil und exzessiven Drogenkonsum zu finanzieren, hat er Geld der Firma unterschlagen...
Anteil hat Verena Lueken genommen: "Es gehört zu Lumets Arbeitsweise seit seinen Anfängen im Live-Fernsehen, lange zu proben und schnell zu drehen. Das Ergebnis sind Darsteller, die sich in ihren Rollen vollkommen zu Hause fühlen - und obwohl niemand in diesem Film sympathisch ist, führt das doch dazu, dass wir Anteil nehmen an dem, was ihnen widerfährt. Und hoffen, dass sich der Segensspruch, dem der Originaltitel entlehnt ist - "Mögest du im Himmel sein, bevor der Teufel weiß, dass du tot bist" -, für sie erfüllt."
Der Film ist digital gedreht, aber im Erzählstil, in der visuellen Umsetzung hochmodern, lobt Susan Vahabzadeh. "Die Erzählstruktur, das Aufrollen der Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln, hat vorher kaum einer so grandios und stimmig durchgezogen wie Lumet, der damit den Rahmen seiner kleinen Geschichte sprengt, er markiert Eckpunkte eines großen Sittengemäldes und breitet so vier ganze Leben vor uns aus. Und die Fragen der Rechtfertigung, von falsch und richtig, werden immer komplexer mit jeder neuen Perspektive, aus der er sie stellt."
Lange nicht mehr hat ein Regisseur derart rigoros einen Keil in die amerikanische Kernfamilie getrieben, schreibt Andreas Busche. "Hier zeigt sich die Klasse Lumets, der trotz aller formalen Virtuosität nie das Erzählen mit Bildern vergisst. Jedes noch so beiläufige Detail wird bei Hoffmans nervösem Wandeln durch die Räume des Apartments mit geduldiger Aufmerksamkeit registriert. Niemand versteht es besser als Lumet, ein Gefühl für die Verlorenheit der Menschen mit filmischen Mitteln zu erzeugen. TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG ist in dieser Hinsicht ein besonderes Prachtexemplar."
Bei allem Tempo besitzt dieser Thriller eine staunenswerte Gelassenheit, lobt Gerhard Midding. "In langen Einstellungen, in denen die Handkamera nicht nervös, sondern einfühlsam vibriert, schafft er seinen Darstellern Raum, um die Emotionen zu entfalten, und gewährt den Zuschauern die Muße, um deren unbegriffene Impulse zu reflektieren. Kameramann Ron Fortunato taucht diese von Männern in der Krise und wehrhaften Frauen bevölkerte Welt in ein kühles Licht. Auch in seinen minderen Filmen sind Lumet stets Bravourstücke der Schauspielerführung und Rauminszenierung gelungen, aber so hartnäckig hat er New York lange nicht als Terrain urbaner Energie und Tristesse erkundet."
Hier befindet sich Sidney Lumet auf der Höhe seiner Kunst, meint Michael Kohler. "Man sieht noch einmal, warum Lumets Filme über fünfzig Oscar-Nominierungen auf sich vereinen und warum die Hälfte davon auf die Darsteller entfiel. TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG ist ein großartiges Schaulaufen. Kein Wunder, denn dem Ensemble sitzt ein mitfühlender Teufel im Genick."
Der Film verdankt viel seiner unkonventionellen Erzählweise, schreibt Hanns-Georg Rodek. Das Drehbuch "nimmt den missglückten Überfall als Angelpunkt und springt dann zwischen Vorgeschichte und Nachwirkungen hin und her; ständig wechseln die Perspektiven und damit unsere Einschätzung der Motive und Situationen. Damit stellt Lumet beide Kinofraktionen zufrieden, sowohl die handlungs- wie auch die charakterorientierte. Er hat eine Fülle dramatischer Wendepunkte in petto, und ein jeder erzählt doch gleichzeitig viel über die Charaktere."
Marion Pietrzok sah ein Familiendrama á la Shakespeare. "Die Hauptcharaktere sind stark, die Darsteller verkörpern sie meisterhaft, allen voran Philip Seymour Hoffman. Ebenso überragend das Spiel von Albert Finney, dessen Figur das Drama zum unvergesslichen, unerwarteten, düsteren Ende führt. Der Film ist spannend nicht allein seiner Struktur, sondern auch der Unvorhersehbarkeit jeder neuen Wendung wegen, ist beklemmend in seiner Unbarmherzigkeit."
Barbara Schweizerhof lobt den Film: Er beginnt als Gangsterdrama und endet als griechische Tragödie. "Es ist unmöglich, über diesen Film zu schreiben, ohne gleichzeitig zu viel zu verraten. Besteht doch das große Vergnügen an Sidney Lumets 70. Regiearbeit darin, sich von der Machart des Films fesseln zu lassen, um nach und nach, Zug um Zug dem eigentlichen Inhalt auf die Spur zu kommen - eben nicht dem Gangsterdrama, sondern der umfassenden Tragödie. Aber man kann diesem Lob des Thrills der Erstentdeckung vielleicht noch ein größeres hinzusetzen: Dem 83 Jahre alten Lumet ist mit TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG ein Film gelungen, der so gut gemacht ist, dass er seine Spannung behält, selbst wenn man die Geheimnisse der Handlung kennt."
Laut Julian Hanich gelingt dem Regisseur Sidney Lumet mit dem Film ein großartiges Comeback. "Die Hauptfiguren werden von einem eng gesponnenen Familiennetz zusammengehalten, auf Gedeih – und vor allem auf Verderb. Was wie ein spannender Gaunerfilm anhebt, nimmt beinahe die Ausmaße einer griechischen Tragödie an. Einem unerfahrenen Regisseur wäre die Geschichte möglicherweise aus dem Ruder gelaufen, oder er hätte sich in Ironie gerettet. Sidney Lumet aber nimmt den Schlamassel seiner Figuren todernst; also bleibt auch dem Zuschauer nur, sich den beklemmenden Familienangelegenheiten auszuliefern. Mit großem Gewinn."
Sascha Keilholz vergleicht das Werk mit anderen Filmen: "Lumet ist weit entfernt von der Parabelhaftigkeit seines Kollegen Haggis, bei ihm weht keine amerikanische Flagge am Ende. Ganz im Gegenteil: Hier erhält der Tod weder eine symbolische Aufwertung, noch kommt er von außen. Womit sich Lumet auch von dem Mitgefühl distanziert, dass er seinen scheiternden Antihelden in HUNDSTAGE noch gewährte. Und während sich sowohl bei Gray als auch bei Haggis die Figuren immer noch fragen, wofür sie kämpfen, sind die verlorenen Seelen aus Tödliche Entscheidung weit darüber hinaus. Andy und Hank handeln nicht nur unverantwortlich, sie handeln vor allem egoistisch und rücksichtslos."
Wie in einem Uhrwerk greift hier ein Rad in das nächste. Das mitanzusehen, fällt Marcus Wessel "nicht immer leicht. Zuweilen schleicht sich das Gefühl ein, Augenzeuge eines gewaltigen Autocrashs zu werden, bei dem alle Beteiligten sehenden Auges auf ihr Verderben zusteuern und dabei statt der Bremse das Gaspedal betätigen. Sidney Lumet schuf mit TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG ein beklemmendes und zutiefst pessimistisches Alterswerk. Ein Film, der mehr Melodram als Krimi ist, und dessen schmerzhaftes Ende noch lange in Erinnerung bleiben dürfte."