| Regie | Roy Andersson |
| Kinostart | 20.03.2008 |
Zwischen schwarzhumoriger Komödie und existentiellem Drama erzählt der Schwede Roy Andersson von den täglichen Absurditäten des menschlichen Lebens. Da ist beispielsweise die junge Frau, die sich die Hochzeit mit einem begehrenswerten, aber unerreichbaren Rockmusiker erträumt. Oder der Psychologe, der es nicht mehr erträgt, seine Patienten mit ihren eingebildeten Krankheiten zu behandeln. Oder der Frisör, der sich an einem ungehobelten Kunden mit einer Skinheadfrisur rächt. Oder der Familienvater, der sich an einer langen Tafel am Tischtuchtrick versucht und scheitert.
Zum Brüllen findet Philipp Bühler den Film. "Fast alles andere in DAS JÜNGSTE GEWITTER, Roy Anderssons neuem Film, ist hochkomisch, gerade weil es eigentlich nichts zu lachen gibt. [...] Fairerweise hätte man sagen sollen, dass es sich bei manchen, gerade den finstersten Szenen um Träume handelt. Traumhaft ist aber auch, wie Roy Andersson aus nackter Verzweiflung Kunst macht. Sicher, der Mensch ist schlecht, und wir werden alle sterben. Aber dieses Kino macht Hoffnung. Es wirkt geradezu befreiend. Im Ernst."
Hier jagt ein skurriler Einfall den nächsten, schreibt Andreas Resch. "Zusammengehalten werden diese Mosaiksteinchen von einer Bildsprache, die sich der 64 Jahre alte Roy Andersson in seiner langen Tätigkeit als Werbefilmer angeeignet hat. Der Regisseur verzichtet auf Zooms und arbeitet ausschließlich mit Plansequenzen. Aufgrund ihrer extremen Tiefenschärfe und der genau choreografierten Anordnung der Figuren im Raum erinnern seine Filmbilder an Gemälde. Die meisten Szenen spielen in Innenräumen, oft ist die Kamera auf Fenster oder Türen gerichtet, der Blick verstellt, der Bildausschnitt reduziert."
Aberwitzig ist die ganze Sache für Jan Schulz-Ojala. "Fantastisch vor allem der Widerspruch zwischen dem götterfunkenstrahlenden Mann, der doch ein kafkaischer K. hätte sein sollen, mindestens, und seinen marthalerisch entrückt-entfremdeten Sangesfiguren. Und, nach der ersten Verblüffung, so wunderbar aufzulösen. Denn ist da nicht eine durchdringende Heiterkeit auch in diesen nur 56 Einstellungen in 94 Minuten, während die Kamera sich gar nicht bis allerkaumst bewegt? Die Drastik etwa, wenn Deckenlampen sich aus ihrer Verankerung lösen, nur weil ein nachbarschaftlich Lärmgeplagter sich mit dem Besenstiel zu wehren beginnt."
Heike Kühn betitelt ihre Kritik mit "Versuchsanordnung eines depressiven Gottes": "Alltagsgeschehen und Träume wechseln sich in diesem geheimnisumwitterten Film mit Traumerzählungen und Gesangseinlagen ab, die aus dem Rahmen der Fiktion fallen. Mauern und Bäume, Brücken und Kneipen und die trostlosen Wohnkästen wirken wie Versuchsanordnungen eines depressiven Gottes. Die Farben sind verhext, über Steingrau und Sumpfgrün, geiziges Gelb und das Blau früh vergilbter Jugend kommen sie nicht hinaus."
Grimmige Zivilisationskritik hat Matthias Heine ausgemacht. "Immer in einem ebenso trostlosen wie genau komponierten Licht. Und immer in nur einer einzigen Einstellung mit unbeweglicher Kamera. Die Darsteller bei Andersson sind meist Laien. In dieser Ablehnung des theatralen Gestus fürs Kino und in seinem Verzicht auf auffällig technische Spielchen ähnelt Andersson auch Robert Bresson. Dabei sind seine Bilder aber auf ihre kalte Art üppiger, barocker und felliniesker als die des in diesem Sinne viel protestantischeren Franzosen."
Gejammer und Niedertracht machen für Peer Schmitt die Witze. "Es ist ein Film über den Traum von der Henkersmahlzeit am Vorabend der Apokalypse. Mit Blasmusik und vermasseltem Schmorbraten."
Marcus Wessel ist begeistert: "Inmitten dieser optischen Tristesse gedeiht ein alberner, schwarzer, manchmal auch mehr als absurder Humor. Kein Einfall scheint zu abwegig, als dass Andersson nicht wüsste, ihn auf irgendeine Weise in sein existenzialistisches Mosaik einzubauen. Pointen wie die skurrile Gerichtsverhandlung samt Bierausschank oder die Momentaufnahme aus dem Alltag eines Fensterputzers entstammen einem typisch nordischen Humorverständnis, das schon Filmemacher wie Aki Kaurismäki und Bent Hamer (KITCHEN STORIES) für ihre lakonischen Geschichten nutzten. Neben aller Komik blickt Andersson aber auch mit großem Ernst auf sein Ensemble. Dabei deckt er Hoffnungen und Sehnsüchte auf, die ungelebt und unausgesprochen bis zuletzt auf ihre Erfüllung warten."
Andersson ist ein Regisseur, der an seinen Tableaux endlos feilt und ein vergleichsweise starres Konzept im Blick hat - aber er besitzt Humor, stellt Michael Althen fest. "Die ganze Welt ist bei ihm grau, allenfalls mit bläulichen und grünlichen Schattierungen, als gelte es, die ganze Welt der Angestellten mit möglichst unauffälligen Anzügen zu versorgen. ... Das Nichts ist auch Anderssons Thema - und keiner ringt ihm so brüllend komische Szenen ab wie er. Und weil der Film mit einem Goethe-Zitat beginnt, gibt es im Abspann auch noch einen eigenen Credit mit dem schönen Titel "Översetting Goethecitat"."