| Regie | Julian Schnabel |
| Kinostart | 27.03.2008 |
Erzählt wird die Geschichte des Journalisten Jean-Dominique Bauby, dessen Leben sich durch einen Schlaganfall mit 42 völlig verändert.
Eine ganz eigene Schule des Sehens enwickelt der Film, schreibt Birgit Glombitza. Die "Ich-Perspektive, in der Regel ein ebenso simpler wie leicht ausreizbarer Effekt, wirkt hier wie eine kleine Offenbarung. Nicht nur, weil sie die Kamera und mit ihr das Publikum in starren, frontalen Einstellung in das Kinodunkel und einen imaginären Körper einsperrt. Sondern auch, weil Regisseur Julian Schnabel mit diesem Blick das Kino und seinen Aufnahmeapparat als das wieder entdeckt, was sie von Anbeginn an waren. Als Sehprothesen, als Instrumente ungebremster Schaulust."
Michael Althen spricht mit dem Maler und Regisseur Julian Schnabel.
Gerhard Midding ist begeistert: "Schnabel inszeniert diesen ersten Teil wie einen Experimentalfilm und hätte dafür wohl keinen besseren Komplizen finden können als den Kameramann Janusz Kaminski. Die Subjektivierung des Kamerablicks hebt die vertraute Welt aus den Angeln, mit verkanteten, verwackelten Einstellungen und der behänden Verlagerung von Schärfe und Unschärfe. Auch später, wenn Rückblenden und Träume Jean-Dos fast heiter mäandernder Phantasie folgen, verabschieden sie sich nie endgültig von dieser Subjektivität des Blicks, denn sie ist eine berückende Schule des Sehens."
Mariam Schaghaghi unterhält sich mit dem Regisseur Julian Schnabel.
SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE ist eine Beschwörung des Lebens, ausgesprochen von jemanden, den die Imagination bei Sinnen hält, lobt Michael Kohler. "Die Rückblenden und Krankenbesuche lassen das Publikum nicht vergessen, was Bauby verloren hat, und trotzdem ist SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE ein beinahe schwereloser Film. Ein Vorhang weht im Wind, ein Schmetterling flattert, mit einfachen Mitteln verleiht Kameramann Janusz Kaminski den Bildern Poesie. Am Ende steht so ein versöhnliches Vermächtnis: Bauby lässt in den Momenten schöpferischer Freiheit die Mauern seines Gefängnisses hinter sich, und Schnabel ehrt diese Leistung durch seine eigene Erfindungskraft."
Mit dem Regisseur spricht Hanns-Georg Rodek über seine preisgekrönte Verfilmung einer kaum fassbaren Krankengeschichte.
Esther Buss ist begeistert: "Die eindrucksvollsten Szenen im Film – sie wirken fast wie Konzeptkino – spielen auf einer leeren Terrasse des Krankenhauses. ... Aus der Subjektiven gefilmt, ist die statische Kamera jeweils auf einen äußerst begrenzten und determinierten Bildausschnitt gerichtet, der Position des Rollstuhls entsprechend. Die Besucher treten "vor die Kamera", in Augenhöhe Baubys. Manchmal ziehen sie sich in die Tiefe des Bildraums zurück, verlassen die Kadrierung ganz oder gerade so, dass ihre Köpfe abgeschnitten werden."
Einen zärtlichen Film über die großen Themen des Lebens sah Christoph Amend. "Szene für Szene, Bild für Bild. Der Maler Schnabel hat dem Regisseur Schnabel den Weg gewiesen. SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE beginnt aus der Perspektive der Hauptfigur. Und so ertastet der Zuschauer gemeinsam mit dem Ich-Erzähler ganz langsam die Welt da draußen. Es ist eine Neugeburt, die gleichzeitig ein Abschied ist."
Der Regisseur sucht Bilder für eine innere Stimme, meint Catherine Newmark. "Schnabels Darstellung von Jean-Dominique Baubys radikaler, auferzwungener Innerlichkeit ist beängstigend und geht unter die Haut, auch weil man von Beginn an weiß, dass dieser Film mit Baubys Tod endet. Eine Art von Rettung liegt aber doch in dieser Innenwelt, in all den Vorstellungen und Erinnerungen - Bauby hat das in seinem Buch eindrücklich geschildert. Und Schnabel und Kaminski finden wunderbare Bilder dafür: von der Geliebten, den Kindern; von Skifahrern, die durch den Schnee knirschen; von Wasserfällen, die tosen; und von der Kaiserin Eugénie, die einst das Krankenhaus Berck-sur-Mer einweihte, in dem Bauby gepflegt wird. Es sind Bilder vom Licht."
Bert Rebhandl lobt SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE als große Allegorie auf das Medium. "Kein Stoff für das Kino, scheint es auf den ersten Blick. Julian Schnabel sah die Sache umgekehrt. Ein perfekter Stoff für das Kino, eine Befreiung von den Fesseln des schnöden Alltags. Zwar werden in SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE auch die Bemühungen um eine Therapie des Patienten Bauby erzählt - gelegentlich scheint es, als würde er kleine Fortschritte machen und wenn schon nicht die Bewegungsfreiheit, so doch die Artikulation bestimmter Silben zurückgewinnen. Aber das erweist sich als trügerische Hoffnung, während das ganze Interesse des Films ohnehin jenem seltenen Zustand gilt, der einen Mann dazu zwingt, seine Erinnerungen von einem Punkt aus zu denken, an dem er ihnen fast nichts mehr hinzufügen kann."
Mit Christina Tilmann spricht der Filmemacher Julian Schnabel über Wahrhaftigkeit und Kunst – und warum er DAS PARFÜM nicht mag.
Elke Buhr stellt dem Regisseur 10 Fragen.
Jan Schulz-Ojala sah einen umwerfend unspektakulären und zugleich aufwühlenden Film. "Eine Viertelstunde lang ist das Auge der Kamera das Auge des Kranken: mit gekippter Linse, Unschärfe neben Überschärfe, verzerrten Nahaufnahmen, dazu einem Ton, der wie aus dumpfer Tiefe Kontur gewinnt. Ein Arzt redet, ein Körperhuschen, und schon wird das gelähmte Augenlid zugenäht. Flimmern, das ins Dunkel absäuft, ins Bild gebannt von der subjektiven Kamera. Ist das auszuhalten? Ja, denn das Ich, das da entsetzt und schon wieder belustigt die Manipulationen an sich selbst erfährt und kommentiert, hält ja selber aus."
Für Joachim Kurz ist SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE "nicht nur ein erfrischend unsentimentaler Film über eine entsetzliche Krankheit und einen Mann, der erst im größten Unglück sein wahres Ich entdeckt, er ist auch ein Meta-Film über das Wesen des Kinos selbst. Denn was sind wir anderes als Eingesperrte, wenn wir im Dunkel der Lichtspiele sitzen, beinahe bewegungslos, unfähig zu kommunizieren und den Launen eines Auges ausgeliefert, das uns ein Leben zeigt? Julian Schnabel zeigt die Möglichkeit der Rückeroberung des eigenen Lebens auf, sein Film ist eine Ode an das eigene wahre Bewusstsein und an das Leben, in dem wir trotz aller Beschränkungen immer noch der unumschränkte Herrscher der Bilder, der Regisseur sein können."
Bewegend nennt Susan Vahabzadeh den Film. "Eine wunderschöne, rührende und sehr tröstliche Geschichte, die Schnabel zu einem ungeheuer vitalen Kunstwerk verdichtet ... Dass SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE fast gänzlich aus visueller Spielerei besteht, subjektiver Kamera, Unschärfen, seltsamen mit gekippten Linsen erzeugten Wölbungen, das klingt zunächst einmal anstrengend - wenn die Meister fremder Kunstformen Filme machen, überstrapazieren sie gern die Möglichkeiten des Kinos. Warum dieser Film, so überladen mit Effekten, dann doch kein enervierendes Monstrum ist, kann man fast nicht erklären. Außer vielleicht mit der fließenden Leichtigkeit, die er hat."
Der Film ist von geradezu überwältigender Schönheit, von einem ungeheuren visuellen Einfallsreichtum, den Schnabel und sein Kameramann hier freisetzen, lobt Christoph Egger. "Wenn einer bei den eben vergebenen Oscars den Preis für die beste Kameraarbeit verdient gehabt hätte, dann Janusz Kaminski, seit SCHINDLERS LISTE Kameramann Steven Spielbergs, für den er solide Arbeiten zu liefern pflegt. Was wir hier von ihm zu sehen bekommen, ist wie von einem andern Stern. Dabei geraten all die Effekte des Spezialobjektivs, die Zustände eines mäandrierenden Bewusstseins mit ihrer Semiotik von Unschärfe und Fokussierung, die Lichtabfälle und die Überstrahlungen an den Bildrändern nie zum Selbstzweck."
Für Martin Walder ist der Film "das Zeugnis des Willens, dem Wahnsinn in der hermetischen Taucherglocke des eigenen Körpers zu entgehen. "Schnabel ist auch ein bekannter New Yorker Maler, und vielleicht konnte nur ein Maler diesen Film so machen: als Wahrnehmungsreise hinter die Netzhaut und in den Kerker des Körpers hinein, bei der sich Genauigkeit und Sinnlichkeit geradezu poetisch verdichten. Die Kameraarbeit von Janusz Kaminski ist ein Ereignis wie ein subtiles Pinselwerk, im Zusammenwirken mit Tonspur und Montage bezwingend."
Birte Lüdeking ist begeistert: "Julian Schnabels Portrait ist am erfolgreichsten und ergreifendsten in der Veranschaulichung von Baubys Angewiesenheit auf die Menschen in seinem Umfeld. Er begegnet ihr mit gedanklicher Unabhängigkeit, erfrischendem Trotz und beißendem Humor. ... Als Jean-Dominique Bauby zum ersten Mal den Ernst seiner Lage begreift und an ihr zu verzweifeln droht, bricht ein riesiger Eisberg in sich zusammen – ein Bild, das nach der Vollendung seines Buches zurückkehrt. Nur diesmal spult der Regisseur den Zerfall zurück, und der Berg baut sich zum Abspann wieder auf. Es ist ein wuchtiger Anblick, der in einem Film, der Schwerelosigkeit ausstrahlt, umso kraftvoller ist."
Bei Marcus Wessel hat sich recht schnell ein klaustrophobisches Gefühl eingestellt, "ganz so, als sei man lebendig begraben. Konterkariert wird diese Enge von Baubys Kommentaren und Gedankengängen, die nicht selten neben aller Tragik auch ungemein komisch und absurd sind. So wecken die akrobatischen Zungenübungen seiner überaus attraktiven Logopädin (Marie-Josée Croze) in ihm ungewollt ein sexuelles Verlangen. ... Ohne auf weinerliche Taschentuch-Melodramatik zu setzen, nähert er sich Baubys mutige Rebellion gegen den eigenen körperlichen Verfall. Der Film – wie schon die Vorlage – wird so zu einer im Angesicht des Todes verfassten Liebeserklärung an das Leben."
Michael Althen sah den reinsten klaustrophobischen Horror, auch fürs Kino - und ein Wunder von einem Film. "Was sich vielleicht wie ein lähmendes Konzept fürs filmische Erzählen liest, wird im Kino zu einer Erfahrung von so bezwingender Schönheit und Poesie, dass man schon über einzelne Worte in Tränen ausbrechen könnte. ... Irgendwann greift Schnabel natürlich auch zu Rückblenden und wechselt auf die Außenperspektive, aber das beschädigt sein Konzept nicht, sondern beflügelt es eher. Da sehen wir den Mann (Mathieu Amalric) in seinem Rollstuhl und das weit aufgerissene Auge, die reinste Schreckensvision - und doch das Ergreifendste, was seit langem zu sehen war."
Laut Anke Westphal verfrachtet der Regisseur "den Zuschauer in den Körper des Behinderten; er sieht mit dessen Auge nur Fragmente der ihn umgebenden Welt. Schnell wird klar, warum gerade diese Geschichte den Künstler Schnabel herausgefordert hat, und er findet auch eine sensibel zwischen Tragik und Komik balancierte Erzählform und so noch nie gesehene Bilder dafür."
Soziales Gewissen bescheinigt Hanns-Georg Rodek dem Film. "Es ist die Geschichte eines internen Kampfes, und damit tut sich das auf Außenwirkung erpichte Kino immer schwer. Schnabel entledigt sich seiner schwierigen Aufgabe mit allen Ehren, trifft den richtigen Ton zwischen Mitleid und Ermutigung, Eindringen und Distanz, Sicht von Außen und Sicht nach Außen."
Suzan Vahabzadeh war fix und fertig hinterher, aber irgendwie auch zufrieden. "Uns tatsächlich in die Identität von jemand anderen eintreten, seine Wahrnehmung spüren zu lassen, das gehört zum Schönsten, was das Kino bewerkstelligen kann."
Matthias Schmidt ist begeistert: "Ein todernstes Thema, ein zutiefst bewegender Film, der nie gesehene Bilder aus der Perspektive eines Schwerkranken auf die Leinwand zaubert."
Andreas Borcholte ist angetan von der Umsetzung der Geschichte: "Stephen Spielbergs Stamm-Kameramann Janusz Kaminski findet zu diesem Blick von Innen nach Außen verstörende und beklemmende Bilder, die dem Zuschauer nahe bringen wollen, wie sich Bauby, geistig intakt, in seinem reglosen Körper gefühlt haben muss ... Dank der zynisch-lakonischen Off-Erzählung Baubys, die nur dem Zuschauer gilt, nicht aber den Personen, die ihn umgeben, erhält dieser ebenso wundersame wie wundervolle Film eine große Portion Galgenhumor, der das Thema letztlich erträglich werden lässt."