| Regie | Paul Greengrass |
| Kinostart | 01.06.2006 |
Der Film zeichnet die letzte Reise des Fluges UNITED 93 nach. UA 93 war der einzige der vier Jets am 11. September 2001, der sein Terrorziel nicht erreichte: Nach einem Aufstand der Passagiere stürzte er in Pennsylvania ab.
Die Methode Realismus macht Peer Schmitt Probleme. "Schon der "dokumentarische" Stil des Films ist in dieser Hinsicht ein Statement: verwaschene Farben, Handkamera, Dominanz von nahen und halbnahen Einstellungen, unruhiger Montagerhythmus (die Simulation von gemessener Panik), dramaturgischer Ablauf »in Echtzeit«. Als zusätzlichen Realitätseffekt spielen einige Angestellte der Flugsicherheit in dem Film sich selbst. ... "Realismus" zeichnet sich darüberhinaus immer mehr als eine Methode ab, rein ideologische Bilder, sozusagen "im Sog der Realität", zu überspielen."
Thomas Binotto hat die Anstrengung gespürt, ja nicht beim Hollywood-Drama zu landen. "Formal ist UNITED 93 viel disparater, als es auf den ersten Blick scheint. Barry Ackroyds Handkamera suggeriert zwar Authentizität und Nähe, erweist sich aber letztlich nicht als geeignetes Mittel. Das menschliche Auge sucht Bilder zu stabilisieren, zu fokussieren. Wie die Handkamera alles verwischt, aus dem Gleichgewicht kippt, ständig in Bewegung und dem Zufall überlassen scheint, das ist gerade nicht realistisch oder dokumentarisch, sondern höchst artifiziell und eignet sich weit besser zur Psychologisierung und Individualisierung als zur Objektivierung."
Regisseur Paul Greengrass spricht mit Leif Kramp über die Kritik an seiner Version der Ereignisse und den Vorwurf, sein Film UNITED 93 komme zu früh.
Michael Streck erklärt der Regisseur, warum die Terroristen so normal erschienen und was wir aus dem Film lernen können.
Knut Elstermann unterhält sich mit Paul Greengrass und Angehörigen von Terroropfern.
Peter Körte ist des Lobes voll für UNITED 93. "Verglichen mit dem, was über die beiden 'konkurrierenden' Fernsehfilme zum selben Thema zu lesen war, arbeitet Greengrass mit maximaler Nüchternheit und Selbstbescheidung. Keine Ausbeutung der aufgezeichneten Telefonate aus UA 93 wie in FLIGHT 93, keine patriotische Fanfare bereits im Titel wie in 'The Flight that Fought Back'. Das symbolische Kapital, das Heimatschutzminister Tom Ridge und andere aus dem Flug 93 geschlagen haben, kümmert Greengrass wenig. Er braucht auch nicht, wie Michael Moore in FAHRENHEIT 9/11, Präsident Bush dabei zuzuschauen, wie er sieben Minuten regungslos in einem Klassenzimmer in Florida sitzt, nachdem ihn die Nachricht erreicht hat."
Jan Christoph Wiechmann war tief ergriffen. Der Regisseur erzählt die Geschichte "unerbittlich, aber nüchtern. Schmerzhaft, aber unsentimental. Er lässt die Kamera im Wechsel durchs Flugzeug hetzen und durch die Flugkontrollzentren. Die Kamera klebt auf den Gesichtern nervöser Terroristen, die auf den richtigen Zeitpunkt der Entführung warten. Sie klebt auf den Gesichtern verstörter Lotsen, die am Radarschirm ein Flugzeug nach dem anderen verlieren. Sie klebt auf den Gesichtern des verzweifelten Militärkommandeurs, der auf den Abschussbefehl wartet. Sie lässt einen panisch werden und nach Hilfe schreien, nach einem Superhelden. Doch die Hilfe kommt nicht."
Die nüchterne Aufarbeitung eines kollektiven Traumas sah Peter Zander. "Die Ungewißheit der Passagiere, die allmähliche Ahnung, endlich die Formierung zum Widerstand, das erfolgt in Brüchen, immer wieder durch retardierende Momente unterbrochen. Die Panik ist hier nicht choreographiert - und um so effektiver. In der Genre-Schublade Katastrophenfilm wäre UNITED 93, wenn er dort hineinpaßte, der ungelenkste Beitrag. Aber auch der nachhaltig verstörendste. Weil er konsequent nur einen Ausschnitt zeigt. Und uns statt Schaueffekten die Frage aufzwingt, wie wir uns verhalten würden."
Andreas Busche rechnet dem Regisser hoch an, dass er einen kühlen Kopf bewahrt hat. "Was Greengrass mit UNITED 93 vorlegt, ist eine Chronik des Schreckens, die den Konventionen des Katastrophenfilms verpflichtet ist, ohne sich seiner abgegriffenen dramatischen Mittel zu bedienen: minutiös (in Echtzeit) aufgearbeitet, mit enervierender Handkamera quasidokumentarisch gefilmt, minimalistischem Soundtrack, Schwarzbild statt Explosion, keinen Identifikationsfiguren. Die Passagiere bleiben ein abstraktes Kollektiv. Durch die Parallelhandlungen im Kontrollraum der amerikanischen Flugüberwachung in Virginia, dem Luftverteidigungszentrum NORAD in New York und dem Hauptquartier der Flugadministration FAA nimmt er dem Drama darüber hinaus das Klaustrophobische - nicht ohne kritische Seitenhiebe auf die Inkompetenz der Behörden."
Verstört ist Hanno Harnisch aus dem Kino gegangen. "Ohne falsches Pathos zeigt Greengrass, wie die Passagiere um ihr Leben kämpfen. In Realzeit zeigt er die Tragik, den Mut der Verweiflung und die folgerichtige Katastrophe. Indem er auf Bewertungen, Heroisierungen und Verteufelungen verzichtet. Er schafft es, wirkliche Verstörung zu erzeugen. Ihm ist das Kunststück gelungen, die Welt so darzustellen, wie sie war. Und er erteilt allen Verschwörungstheorien eine klare Abfuhr."
Laut Kai Müller hat sich der Regisseur für "eine radikale Variante entschlossen. Seine semi-dokumentarische Rekonstruktion des einen Fluges von vier, der sein Ziel nicht erreichte, löst sich am Ende in ein zersplitterndes visuelles Inferno auf. Die Kamera kann die Gewalt, den Tumult, das Gestoße, Geschiebe und Gewürge gar nicht mehr einfangen, so sehr ist sie Teil des Geschehens. Mittendrin. ... So nahe er den Protagonisten mit seiner Handkamera auch rückt, so wenig wird doch ergründet, erklärt, nach Motiven gesucht. UNITED 93 ist keine Katastrophenschocker, Action-Thriller oder Heldenepos, kein tränenreiches „Titanic“-Spektakel der Lüfte, bei dem Menschen im Angesicht des Todes die Liebe oder dergleichen sentimentale Regungen entdecken. Vor allem die kühle Distanz macht Greengrass’ Film ... zu einem außergewöhnlichen cineastischen Ereignis."
UNITED 93 war für Stefanie Zobl eine unerträgliche Kino-Erfahrung. "Die Atmosphäre dieser außer Kontrolle geratenen Situation fängt Greengrass in seinem in Echtzeit und ohne Sentiment erzählten Film ein. So detailliert und differenziert wie möglich rekonstruiert er anhand von Flug 93 und den Schlüsselstellen, an denen die Informationen zusammenflossen, was an jenem Tag geschah. Paradoxerweise ist Greengrass gerade durch seine distanzierte und nicht bewertende Beobachtung besonders nah dran an den Ereignissen. So nah, dass man das Gefühl hat, mit im entführten Flugzeug zu sitzen."
Eine anti-heroische, zutiefst bewegende Tragödie sah Margret Köhler. "Greengrass beteiligt sich nicht an Mythenbildung und verwertet auch nicht das schon zum Mythos avancierte "Let's roll" Er bringt uns ohne reißerische Hollywoodrührung Individuen nahe, die in ihrer Verzweiflung alles auf eine Karte setzen. Umsonst. Wer ohne abstruse Verschwörungstheorien und ideologische Scheuklappen das Werk betrachtet, empfindet wohl eher Fassungslosigkeit und Schmerz. Die aufwühlende Tragödie tut weh, reißt Wunden auf, die nie verheilen. Eine Herausforderung."
Sven von Reden spricht mit Regisseur Paul Greengrass.
Laut Anke Westphal hat der Regisseur schon mit BLOODY SUNDAY "nachgewiesen, wie er der Macht der Tragödien und Mythen mit den Mitteln des Dokudramas standzuhalten weiß: wacklige Handkamera, lebhafte Schnitte, Simulation des Faktischen. Im Falle von UNITED 93 hat sich Greengrass für eine nüchterne Ablaufskizze in Echtzeit entschieden, die alle Kontrollinstanzen und Terrorziele einbezieht: Flugsicherheitszentrum, Militärbasis, WTC, Pentagon. ... Dass Greengrass das schreckliche Geschehen nicht zusätzlich dramatisiert, lässt den Akt des Widerstands umso heroischer erscheinen - und bedrückender. So wie die Figuren keinen Hintergrund haben - so kann es jeden treffen."
Die Verweigerung ist für Michael Kohler das wichtigste Element des Films. "Paul Greengrass erzählt keine Geschichte, er erschafft keine vertieften Charaktere, keine Helden und keine Bösewichte, und er leitet keine Moral aus den Ereignissen ab. Wie in seinem Nordirland-Drama BLOODY SUNDAY (2002) beschränkt sich Greengrass auf eine dokumentarische Perspektive, deren Merkmal eine unruhig geführte Handkamera und die in Fragmente zersplitterte Wirklichkeit ist. ... Als Mahnmahl ohne konkretes Eigenleben erfüllt UNITED 93 seine Funktion derart gut, dass es beinahe obsolet erscheint, ihn auf inhaltliche Aussagen oder ästhetische Irritationen abzuklopfen."
Verstörende Kunst saht Uwe Schmitt. "UNITED 93 vermeidet alle Fallen des Genres, er besticht durch das, was er nicht ist und was er nicht haben will: Der Film hat keine Stars, nicht Todd Beamer oder Mark Bingham, die im kollektiven Mythos zu Anführern des Aufstands wurden; der Film hat nicht einmal ein aus B-Pictures bekanntes Gesicht, sondern erstklassige, zur Improvisation fähige Bühnenschauspieler; es gibt keine rührenden "Mädchen-mit-Teddy"-Erfindungen, ohne die Hollywood sonst keine Katastrophe erträgt; es fallen nicht einmal die Namen der Passagiere, noch werden sie eingeblendet."
Der Film hat bei Ronald D. Gerste alle Bedenken zerstreut. "So wenig reisserisch ist seine Inszenierung, so umfassend der Verzicht auf Spezialeffekte - den Absturz auf ein Feld in Pennsylvania sieht man nicht, die Leinwand wird schwarz, es ist vorbei. Die Passagiere von Flug United 93 werden als Menschen in all ihrer vielschichtigen Normalität gezeigt. Keiner der Schauspieler hat einen auch nur halbwegs bekannten Namen, es sind alltägliche Physiognomien."
Matthias B. Krause zollt dem Regisseur Beifall für seine Filmkunst und seine Standhaftigkeit gegen Hollywoods Heldenverehrungsvirus. Aber "sie wendet sich gegen ihn. UNITED 93 vergeht ohne Angelpunkt, endet ohne Botschaft, Greengrass schleicht sich aus dem Theater, ohne Stellung zu beziehen. Damit ist sein Film eine Dramatisierung des Berichts der 9/11-Kommission, die die Vorgänge an jenem verhängnisvollen Tag der Weltgeschichte mehr als hinreichend mit Worten dokumentierte, nur eben nicht mit Bildern. Am Ende stellt sich weniger die Frage, ob es zu früh sei für einen solchen Film, wie sie in der amerikanischen Öffentlichkeit vor seinem Start so heftig diskutiert wurde, sondern vielmehr, warum man ihn sich antun soll."
Wider Erwarten zeigt sich Hollywood von seiner einfühlsamsten Seite, schreibt Adriano Sack. "Der Film wird zu einer Art nationalem Gedenkevent stilisiert. Er wird diesem Anspruch gerecht. Die weithin übliche naßforsche Haltung "Ich will eine gute Geschichte erzählen" ist hier offenbar der Erkenntnis gewichen, daß die Dramatik der Ereignisse ohnehin nicht zu übertreffen ist. Ein kluger Regisseur wie Paul Greengrass unterspielt sie, denn jeder Versuch, hier mit dem üblichen Instrumentarium Emotionen zu schüren, würde sich selbst richten. ... Das letzte Drittel des Filmes aber ist ein richtiges Meisterstück. Das grausame, chaotische Handgemenge in der trudelnden und stürzenden Maschine zeigt keine Helden. Sondern in ihrer Verzweiflung entmenschte Opfer."
Für Marc Pitzke ist der Film eine brilliante, fast unerträgliche, aber absolut notwendige Rekonstruktion des Grauens. "Für viele Amerikaner ist es ein Schock: der erste, unzensierte Blick auf eine Realität, die sie meist nur politisch korrekt oder ideologisch verzerrt betrachten können. Für sie und alle, die verstehen wollen, wie dieses Land wirklich tickt, in all seiner Tugend und Unzulänglichkeit zugleich, sollte UNITED 93 Pflicht sein. ... Der Horror, der sich auf der Leinwand in Echtzeit entfaltet, ist entsetzlich real - ganz ohne jede Effekthascherei. Der britische Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass verzichtet auf alle Tricks und Klischees. Keine Heldenmonologe. Keine Charakterschablonen."
Jordan Mejias sieht ihn ihm ein wahres Mahnmal. Der Regisseur hat aus ungewisser Gewißheit einen überwältigenden Film gemacht. "Alle Vorberichterstattung über eine unangemessene Sensationsmache, über den verfrühten Umgang mit einer noch schwärenden Vergangenheit, über Voyeurismus und die geschäftstüchtige Taktlosigkeit Hollywoods löst sich in nichts auf. Mit seinem dokumentarischen Ansatz schafft UNITED 93 sich seine eigene Wirklichkeit, fern jeder politischen oder patriotischen Vereinnahmung und völlig ohne Stars ... Haben die Terroristen, wie Robert Altman unvergeßlich behauptete, Hollywood kopiert, so weigert Greengrass sich nun, den Kreis zu schließen und den hollywoodesken Terror nach den Regeln Hollywoods nach Hollywood zurückzuholen."
Laut Adrienne Woltersdorf gibt es Streit um die Erinnerung an das vierte Flugzeug der Anschläge vom 11. September.
Dies ist ein Blockbuster gegen das Trauma, meint Wieland Freund. "Daß die Literatur diesmal schneller war als der Film, hat allerdings nicht nur mit Produktionsbedingungen zu tun. Einerseits ist es richtig, daß ein Mensch in einem Zimmer und mit einem Word-Prozessor einen Startvorteil hat, andererseits mußte Hollywood diesmal vorab nicht nur die Fragen nach Finanzierung, Besetzung und Drehorten klären. Die Terroristen des 11. September hatten, in den Worten Robert Altmans, "das Kino kopiert". Wie sollte das Kino darauf reagieren?"